Von Bach umschlossen

Ensemble Q19 in der Kreuzvesper

Für die Vesper in der Dresdner Kreuzkirche vor dem Sonntag Estomihi war wieder einmal das Ensemble Q19 eingeladen. Das Vokalquartett hatte für den Anlaß Lieder ausgewählt, deren Texte sich teils genau auf den Sonntag bezogen, wie Heinrich Isaacs »Esto mihi«, oder einen leichten Zugang schafften. So diente ihnen Johann Sebastian Bach in zwei seiner beliebtesten Choräle als Ein- und Ausgang: Während »Jesu, meine Freude« aus der gleichnamigen Motette (BWV 227) den Anfang markierte, durfte »Jesus bleibet meine Freude« aus der Kantate »Herz und Mund und Tat und leben« (BWV 147) zum Abschluß die Gemeinde noch einmal »einfangen« – der Choral erklingt zwar regelmäßig und zu nahezu allen Anlässen, entzieht sich aber dennoch einer Beliebigkeit.

Im ersten Teil überwogen Texte, die noch der Renaissance oder dem Übergang zum Barock zugeordnet werden können, wie Alfonso Lobos »Ecce ascendimus Hierosolimam« (nach Lukas 18, 31-33, der Text »Seht wir gehen hinauf nach Jerusalem« erklang später noch im Gemeindelied EG3), Heinrich Schütz‘ »Wer will uns scheiden« (aus den Kleinen geistlichen Konzerten SWV 330), Thomas Tallis‘ »If ye love me« (»Liebt ihr mich« nach Johannes 14, 15-17) sowie besagter Heinrich Isaac (»Sei mir ein schützender Gott«). Meist a cappella vorgetragen, klangen die Stücke im großen Raum der Kreuzkirche zunächst etwas unausgewogen mit dominierendem Sopran. Mit und nach Schütz jedoch wirkte dies deutlich besser – für »Wer will uns scheiden« hatte Manuel Rotter die Continuoorgel übernommen, was sich stabilisierend auswirken sollte.

Ensemble Q19 (Clara Beyer / Sopran, Charlotte Kress / Alt, Marc Holze / Tenor und Kurt Lachmann / Baß), an der Wegscheider-Orgel: Manuel Rotter, Photo: Kreuzkirche Dresden

Neben den historischeren Titeln standen aber auch romantische und sogar moderne im Programm. Sucht man den Namen Wendell Davis Glick im Internet, stößt man zunächst auf amerikanische Footballspieler, jedoch nicht auf Komponisten. Mit »If anyone would follow me« (»Will mir jemand nachfolgen«, nach Markus, 8,34-36) erinnerte das Ensemble Q19 daran, daß der 2017 verstorbene Komponist fest in der amerikanischen (Kirchen)chorliteratur verankert ist.

Vor allem mit Schütz, Tallis und Isaac, dessen schwebender Gesang noch auf die Gregorianik zurückging, erreichte das Vokalquartett sein Publikum, dennoch fiel auf, daß es diesmal weniger geschlossen wirkte und sich im Verlauf auch intonatorische Unsicherheiten einschlichen. Besonders bei Anton Bruckners »Christus factus est« (»Christus ward für uns gehorsam«) und Arvo Pärts »Da pacem Domine« (»Gib Frieden, Herr, in unseren Tagen«) war dies zu spüren. Die Friedensbitte des Esten, der den Text in Silben zerlegt, wollte nicht recht »schweben«, ein Effekt, auf den es der Komponist aber angelegt hat, auf den es ankommt.

Superintendent Christian Behr setzte die Bitte um bzw. das Wort des Friedens und seine Bedeutung ins Verhältnis und erinnerte daran, daß in Gegenden wie dem Sudan, dem Jemen oder dem Kongo seit Jahren Krieg herrsche.

Manuel Rotter begleitete noch ein zweites Stück, Bachs »Jesus bleibet meine Freude«, präsentierte in der Mitte des Programms aber auch Josef Gabriel Rheinbergers Passacaglia (aus der achten Orgelsonate) auf der großem Jehmlich-Orgel. Mag Rheinbergers Passacaglia noch eher unspektakulär erschienen sein, weil sie so sehr an Bachs BWV 582 erinnerte, so überraschte Manuel Rotter mit seiner improvisierten Passacaglia-Einleitung zum Gemeindelied um so mehr, womit er für eine Auffrischung sorgte.

3. März 2025, Wolfram Quellmalz

Am kommenden Sonnabend steht wieder der Kreuzchor im Mittelpunkt der Vesper. Dann wird die ganze Motette »Jesu, meine Freude« erklingen, aber auch die Kantate »Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen« (BWV 12), Leitung: Kreuzkantor Martin Lehmann, Solisten: Anna Maria Tietze (Alt), Oliver Chubb (Tenor) und Jan-Henrik Witkowski (Baß), Dresdner Barockorchester, Liturg: Holger Milkau

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