Neujahrskonzert des Dresdner Kammerchores in der Frauenkirche
Bis 2023 hat der Dresdner Kammerchor jährlich zwischen Weihnachten und Silvester in der Annenkirche Heinrich Schütz‘ Weihnachtshistorie aufgeführt. Im letzten Jahr gab es einen programmatischen Wechsel, der in Zeit (wenige Tage) und Ort (ein paar hundert Meter) nicht weit ausfiel, aber für eine völlig neue Orientierung sorgte. Zwar wird der wertvolle Schütz-Termin vermißt, das Neujahrskonzert in der Frauenkirche jedoch ist ein helles Zeichen zum Aufbruch, wie die Ausgabe 2026 am Donnerstag wieder zeigte. Hatten wir eben erst im Advent Tag für Tag Türchen geöffnet, schien es nun, als würde ein ganzes Tor weit aufgestoßen.
Das Tor nicht nur zum neuen Jahr, sondern zum Leben und zur Geschichte, der Musik im allgemeinen und zum Dresdner Kammerchor im speziellen. Zu den Komponisten zählten ausschließlich solche, mit denen der Kammerchor bestens vertraut ist, darunter Felix Mendelssohn und Arnold Schönberg, die eine jüdische Herkunft haben und nicht nur zu den Gedenkkonzerten im November fest im Repertoire verankert sind. Somit war es also nicht nur der Beginn eines beliebigen Jahres, das Programm trug bereits vieles in sich, was zu »Tacheles«, dem Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen zählt.
Leiter Hans-Christoph Rademann hatte Stücke ausgewählt, die vom frühen sechzehnten Jahrhundert bis ins zwanzigste führten, Geistliche Chormusik, Polyphonie und Chorsinfonik einschlossen. Der Anfang klang mit Johann Hermann Schein (»Nun danket alle Gott«) und Heinrich Schütz (Geistliche Chormusiken SWV 380: »Also hat Gott die Welt geliebt« und SWV 386 »Die Himmel erzählen die Ehre Gottes«) vertraut, ließ Mehrstimmigkeit schlank glänzen und einzelne Worte (wie bei Schein das »fröhliche Herz«) als Neujahrs- oder Lebenswunsch leuchtend hervortreten. Auf Scheins Belebung folgte Schütz‘ inniger Ausdruck mit dem geschlossenen Klang eines Chores, der wie mit einer Stimme »sprach«. Doch Heinrich Schütz wußte ebenso dramaturgisch zu betonen, wie »Die Himmel erzählen die Ehre Gottes« zeigte, das nicht nur den »Himmel« mit dem Aufschwung einer Aufwärtsbewegung betonte.

Wie so oft hatte der Dresdner Kammerchor ein ausgewogenes, vielschichtiges Programm zusammengestellt und nicht nur den weihnachtlichen Jubel betont. Johann Sebastian Bach Motette »Lobet den Herren alle Heiden« (BWV 230) lebte, nun von Frauenkirchenorganist Niklas Jahn an der Truhenorgel begleitet, von der schlichten, unaufgeregten Melodieführung und ihrem stetigen Fluß.
Neben der Alten Musik gehört die Romantik zum Kernrepertoire des Dresdner Kammerchores. Felix Mendelssohn stellte stilistisch einen Sprung dar, zeigte den Chor in einer bereits viel größeren Klangfülle und kraftvollen Auslegung bei »Richte mich, Gott«. Im hymnischen »Jauchzet dem Herrn, alle Welt« wurde dies noch einmal gesteigert, ohne daß dabei eine Grenze, etwa in der Ausdruckskraft, berührt worden wäre.
Niklas Jahn führte Felix Mendelssohns Musik mit Präludium und Fuge f-Moll (Opus 35 Nr. 5) fort. Die eigentliche Melodie schien von einem Schimmer umgeben und rhythmisch angetrieben. Später zeigte Niklas Jahn, daß funkelnde Akkorde nicht nur im Barock zu finden sind. Charles-Marie Widors Toccata aus der Orgelsinfonie Nr. 5 tanze durch den Kirchenraum und schien noch einmal auf eine Eröffnung oder einen Anfang zu verweisen.
Zuvor hatte Hans-Christoph Rademann mit Frank Martins Messe für zwei vierstimmige Chöre ein Werk aufgeführt, das a cappella Elemente solistischer und geteilter Stimmen sowie des geschlossenen Chores aufgreift. Erstaunlich waren der Wandel und die expressiven Steigerungen, die der Chor vollführte – einerseits im Verhältnis zu Mendelssohn zuvor und Schönberg später stimmig, andererseits in den Proportionen der Messe ausgewogen und konturiert. So gehörten zum Verlauf nicht allein ein Aufwachsen von Kraft oder Stärke – das Gloria, wiewohl es nach getragenem Beginn eine Steigerung aufwies, zeigte Facetten wie einen schattenhaften Klang oder eine Verdunklung auf dem Wort »Domine«. Auch im Credo betonte eine Verlangsamung vor dem Crucifixus die Geschichte und Herkunft Jesu.
Arnold Schönbergs »Friede auf Erden« durfte am Ende bedachtsam wachsen, so daß aus dem fließenden Text das Wort »Friede« wie ein Ruf in die Welt herausdrang. In Felix Mendelssohns »Verleih uns Frieden gnädiglich« als Zugabe vereinigten sich die Stimmen des Dresdner Kammerchores mit denen der Kern-Orgel oben im Kirchenschiff.
2. Januar 2026, Wolfram Quellmalz
Bis zum 11. Januar finden in der Dresdner Frauenkirche vor allem Andachten und »Wort & Orgelklang« statt. Die nächsten Konzerte gibt es nach der Schließzeit ab 31. Januar (»The sound of spirit« mit AuditivVokal). Die nächsten Konzerte des Dresdner Kammerchores am 6. und 7. März gehören zur Reihe ZentralVokal (Kreuzkirche Chemnitz-Klaffenbach und Matthäuskirche Dresden).