Hohe Schule

Frank-Michael Erben und Charlotte Steppes präsentierten im Kammerabend romantische Sonaten

Über dreißig Jahre gibt es den Kammermusikaustausch der Sächsischen Staatskapelle mit dem Gewandhausorchester Leipzig bereits. Regelmäßig einmal pro Spielzeit besuchen sich Musiker der beiden Orchester in ihren Kammerabenden gegenseitig. Am Mittwoch war Frank-Michael Erben, einer der Konzertmeister des Gewandhausorchesters, mit seiner Klavierpartnerin Charlotte Steppes in der Semperoper zu Gast.

Auf ihrem Programm standen Werke, die uns einerseits eindeutig als Violinsonaten bekannt sind, andererseits zum Kanon der romantischen Literatur zählen. Dabei finden sich zumindest bei Ludwig van Beethoven noch die Spuren eines Wandels, als die Violine aus der Begleiterrolle in jene der Hauptakteurin schlüpfte. Was aber nicht bedeutet, ihr stets eine übergeordnete Präsenz einzuräumen. Wie das Konzert gestern zeigte, geht es nämlich ganz anders.

Frank-Michael Erben und Charlotte Steppes betonten weder eine innige Verbundenheit, noch suchten sie eine ausgeprägte Konturierung eigenständiger Parts. So legte ihre sorgsame Behandlung der Werke manche inneren Bezüge, aber auch charakteristische Gemeinsamkeiten offen. Vielleicht mag dieser Ansatz daran liegen, daß Frank-Michael Erben keine ausgeprägte Solisten-Attitude pflegt, sondern sich, als Primus inter pares, immer als (Kammer)musikparner versteht? Das läßt sich zumindest vermuten, wenn man bedenkt, daß Erben außerdem die erste Violine im Gewandhaus-Quartett spielt.

Im Konzert gestern verhinderte ein vertieftes gemeinschaftliches Verständnis jedes einseitige Betonen. Violine und Klavier drangen fast unauffällig zu Mendelssohn, Beethoven und Franck vor. In Felix Mendelssohns Violinsonate F-Dur standen hymnische Elemente des Aufschwungs einer feinnervigen Erregung des Tremolos gegenüber. Das Allegro vivace blieb dennoch geschlossen, statt ein Auf und Ab zu dokumentieren, kleine Seufzermotive der Violine waren geschmackvoll darin verwoben.

Das Adagio begann wie eine beiläufige Plauderei, wurde melancholisch und entwickelte eine zarte Melodiösität. Die gemeinsame Kraft, die daraus erwuchs, schien auf Brahms zu verweisen – munter schloß Mendelssohns Assai vivace.

Nicolas Gosse »Empfang beim Frieden von Tilsit 1807«, Auf dem Bild: Außenminister Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord, Napoleon Bonaparte, Kaiser Alexander I., Königin Luise und ihr Gatte König Friedrich Wilhelm III. von Preußen, Ludwig van Beethoven hatte seine Sonate Opus 30 Nr. 2 1802 dem jungen Zaren (Kaiser) Alexander gewidmet (Ölfarbe auf Leinwand, 351 x 492 cm, 1837), Château de Versailles, Bildquelle: Wikimedia commons

Die Violinsonate c-Moll Opus 30 Nr. 2 von Ludwig van Beethoven wirkte mit ihren Steigerungen und dramatisch gedrängten Strukturen deutlich forcierter, trotzdem fand sich darin kleine Parallelen zu Mendelssohn, etwa in den hymnischen Überhöhungen. Und auch der zärtliche Ton der Violine kehrte wieder (Adagio cantabile). Solche Wechselseitigkeit sorgte manches Mal für eine Schärfung der Linien, wie im Scherzo, das erst pointiert Kontraste aufzeigte, dann aber die Gesanglichkeit hervorhob – noch einmal kamen sich Mendelssohn und Beethoven näher.

Nach dieser im Vergleich bzw. gefühlt »konkreten« Musik schien César Francks Violinsonate A-Dur nach der Pause wie aus ferner Welt heranzuschweben. Während die Werke Mendelssohns und Beethovens einen in sich geschlosseneren Eindruck erweckt hatten, standen ihnen jetzt Stimmungsbilder César Francks in Sonatensätzen gegenüber. Aufgewühlt, voller offenherziger Hingabe entfaltete sich gerade das Allegro (zweiter Satz). Doch auch dieses hielt in leicht herber Zurücknahme bereits ein eigenes Gegenüber bereit, dem das Recitativo in tiefen Gedanken nachzusinnen schien.

Es war wohl ein frohes Sinnen oder ein Sinnen mit frohem Ende, denn – als kehrte selbst Franck zu Mendelssohn zurück – Francks Allegretto poco mosso jubelte lieblich in den Saal der Semperoper.

Frank-Michael Erben und Charlotte Steppes bedankten sich für die Aufmerksamkeit des Publikums mit dem Satz aus einer Violinsonate von Johann Sebastian Bach (BWV 1021), der sich – leicht romantisiert – passend an das Programm fügte.

29. Januar 2026, Wolfram Quellmalz

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