Liszt tanzt!

Letztes Podium Klavier vor der Winterpause an der HfM

Langsam geht auch für Musikstudenten das Wintersemester zu Ende. Die letzten Prüfungskonzerte und Podien laufen derzeit, dann sind Ferien, erst ab Ende März stehen wieder eigene Veranstaltungen im Kalender der Dresdner Musikhochschule.

Am Montag stellten sich Studentinnen und Studenten der Klavierklasse von Karl-Heinz Simon vor. Oft zeigen diese Podien den augenblicklichen Leistungsstand bzw. Studieninhalt, aber viele der Professoren versuchen – selbst wenn es kein »Konzert« im eigentlichen Sinne ist – einen dramaturgischen Rahmen für das Programm zu finden. Schließlich ist das öffentliche Vorspielen nicht mehr weit entfernt von einem »echten« Auftritt, und dann, im Konzert, muß alles wie am Schnürchen laufen. Zum Podium darf jeder noch ein wenig suchen, schließlich liegt der Sinn der Veranstaltung nicht zuletzt darin, einen Zusammenhang von erlerntem Stück, geübtem Spiel und der Auftrittssituation herzustellen, Praxis zu erfahren.

Insofern spürt man zu Klassenabenden vielleicht besonders, daß sie Teil eines Wegs sind, der Ausbildung wie eines Künstlers. Camille Sarte begann ihn am Montag mit einer anspruchsvollen Klaviersonate von Wolfgang Amadé Mozart (C-Dur, KV 279), bei der die Artikulation der Ecksätze noch etwas Feinarbeit vertragen hätte, im Andante jedoch hob sie die dunkle, bedenkliche Seite sorgsam hervor, die man gerade in Mozarts Sonaten – trotz dessen Heiterkeit – immer wieder spürt. Mit Frédéric Chopins Ballade Nr. 3 (As-Dur, Opus 47) öffnete sie das Programm in eine Richtung, die an diesem Abend einen Schwerpunkt finden sollte.

Barock oder Bach erklangen diesmal nicht, dafür schloß Ahhyun Lee Ludwig van Beethovens 28. Klaviersonate (A-Dur) an. Nach den sachten Schattierungen des ersten Satzes arbeitete sie den wandelbaren zweiten mit seinem versteckten Marsch besonders heraus. Kein vorwärtsstürmendes Schreiten allein war bestimmend, sondern ein innerer Antrieb, der sich über die einzelnen Abschnitte veränderte und schließlich mit großem Nachdruck vorgetragen wurde.

Mark Potipko stellte das erste Nocturne Nr. 1 (cis-Moll) aus Opus 27 von Frédéric Chopin vor, eigentlich die »dunkle Seite« eines Werkpaares, das im charmanten Salonton begann, sich aber bald dramatisch veränderte. Der sanfte Ausklang blickte schon auf das an sich nachfolgende Nocturne voraus.

Nach dieser Rückkehr durfte einer von Chopins Zeitgenossen brillieren – Franz Liszt. Die Etüde f-Moll (Nr. 10) ist jedoch weit mehr als eine »Übung« (wie die Bezeichnung eigentlich sagt), sondern ein fast opernhaftes Stück, das dramaturgisch wuchs und viele Facetten zeigte. Vor allem offenbarte Seoyoon Lee, daß Liszt nicht allein mit Farben und Schattierungen gearbeitet hat, sondern im Rhythmus Impulse freisetzte – diese Etüde schien zu tanzen!

Kaum weniger bemerkenswert hinsichtlich der Gestaltungskraft, welche die Studentin eben gezeigt hatte, war »Katharsis« des Gegenwartskomponisten Minas Borboudakis, die mit Läufen spielt, welche sich in Schichten kreuzen oder vom Grollen des Basses durchbrochene werden. Eigentlich hätte man vermuten können, daß der Ablauf des Abends die Studenten mit zunehmender Erfahrung präsentiert, doch lag der Fall oft anders, so wie hier, denn Seoyoon Lee studiert gerade im zweiten Jahr des Bachelors!

Von links (in der Reihenfolge ihres Auftritts): Camille Sarte, Ahhyun Lee, Mark Potipko, Seoyoon Lee, Levi Fuchs und Gahyeon Jo, Photo: NMB

Auch Levi Fuchs hat an der Hochschule noch ein gutes Stück Weg vor sich. In drei der Images von Claude Debussy bewies er aber bereits viel Gestaltungssinn. So zeigte »Reflets dans l’eau« sich überlagernde Wellenprofile auf: große Wogen tragen kleinere bis zum Gekräusel an der Oberfläche, auf dem Lichtreflexe entstehen – genau das hatte Debussy beschreiben wollen. Ebenso schimmerte in der »Hommage à Rameau« im Rhythmus der lateinamerikanische Ursprung der Sarabande durch.

Den zeitlich ausgedehntesten und gestalterisch vielleicht umfangreichsten Schlußpunkt setzte Gahyeon Jo mit Franz Liszts Klaviersonate h-Moll. Der junge Student fand einen Zugang zu den Phasen, die das Stück durchläuft, das mehrfach neu beginnt, sich in enorme Höhen schwingt und arkadische Landschaften zeichnet. Farbe und Form oder Kontur waren nur die Mittel, mit denen Gahyeon Jo ein spannungsvolles »Bild« beschrieb!

3. Februar 2026, Wolfram Quellmalz

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