Kleopatra muß warten

Collegium 1704 im Prager Vzlet mit einem Sopranisten

Am 3. Februar 1692 wurde in Perugia Giacinto Fontana geboren. Wegen seiner leichten und beweglichen Stimme und seinen sagenhaften Koloraturen wurde der Sänger »Farfallino« (kleiner Schmetterling) genannt. Und aufgrund des damaligen Auftrittsverbots für Frauen übernahm er viele Primadonnenrollen in Opern, Komponisten wie Porpora und Vivaldi schrieben ihm Arien in die Kehle. Der Haken an der Sache: Farfallino war ein Kastrat.

Heute erreichen Sänger ohne eine fragwürdige Operation in Kindestagen allein durch Technik mit der sogenannten Kopfstimme die Countertenor– und Altregionen. Gerade in Aufführungen von Barockmusik sind wir das beinahe schon gewöhnt und können – fast »wie damals« – viele charakteristische Sänger erleben und vergleichen.

Dramatik pur: da staunt nicht nur das Publikum, sondern auch die Continuo-Gruppe des Collegium 1704 über Maayan Licht, Photo: Collegium 1704, © Hana Görlichova

Es gibt aber eine kleine Gruppe, derzeit weniger als eine Handvoll Sänger, die es »ohne Einschnitt« sogar bis zum Sopran schaffen. Einer von ihnen ist der Israeli Maayan Licht. Am Dienstag (dem 3. Februar) war er in der Konzertreihe des Collegium 1704 im Prager Kulturzentrum Vzlet zu Gast. Die Alte-Musik-Reihe bietet meist Musik in kleineren Formationen mit Mitgliedern des Collegiums und seinen Gästen. Zumindest einmal im Jahr bestreiten Dirigent Václav Luks und das Collegium 1704 aber selbst ein Konzert.

Für die »Vocal Fireworks« (Vokale Feuerwerke, Programmtitel) hatten Maayan Licht und Václav Luks ganz unterschiedliche Stücke ausgewählt. Und die zeigten nicht nur eine bestechende Qualität des Sopranisten, sondern viele Vorzüge Maayan Lichts, denn es handelte sich durchaus nicht um eine Folge von koloraturfunkelnden, rasanten Feuerwerksmusiken, sondern Arien höchst unterschiedlichen Charakters. Und siehe da: Maayan Licht weiß diese auch unterschiedlich zu gestalten und zu interpretieren, also keineswegs nur ein »abfeuern« von Spitzentönen.

In »Nel già bramoso petto« (Arie des Achille) aus Nicola Porporas »Ifigenia in Aulide« zum Beispiel waren für den männlichen Helden zunächst geradezu zarte Töne gefragt. Ein tragfähiges, geschmeidiges Piano ist Maayan Licht absolut zu eigen! Wer auf das brillante Feuerwerk wartete, den entzückte wohl Antonio Vivaldis »Gelosia, tu già rendi l’alma mia« (Ottone, »Ottone in villa«) mit Tonsprüngen und Koloraturen ganz besonders, gleichwohl auch hier ein langsamer Zwischenteil eingeflochten ist.

… das Collegium 1704 lädt in seinen Bildungsprojekten Schulklassen ein, die in Proben den Künstlern näherkommen können – offenbar hatten beide Seiten daran Spaß, Photo: Collegium 1704, © Hana Görlichova

Mit Ariodantes Arie »Scherza infida« aus Georg Friedrich Händels Oper »Ariodante« verbanden sich ein sanft vibrierendes Timbre mit dem Gesang des Fagotts – das Collegium 1704 mit seinen Solisten trug nicht nur hier spürbar bei, es hatte den Abend bereits mit der Overtüre zu Händels »Alcina« eröffnet und zwischen den Arien ein Concerto für Streicher von Antonio Vivaldi (c-Moll, RV 120) derart superb interpretiert, daß man in der Fuge des dritten Satzes eine Begeisterung fühlen konnte, wie Bach sie gespürt haben mag, als er Vivaldis Werke studierte. Auch sonst zeigte sich das Prager Barockorchester als flexibler, vielfältiger und stimmerfahrener Begleiter, der sich auf jede Situation einzustellen weiß.

Mit »Un pensiero nemico di pace« aus Händels Oratorium »Il trionfo del Tempo e del Disinganno« trat Maayan Licht in eine feminine Rolle – die der Schönheit. Riccardo Broschis »Son qual nave« aus »Artaserse« (Arbace) überbot dies wieder mit seiner Brillanz.

Nicht nur Blumenkinder …, Photo: Collegium 1704, © Hana Görlichova

Maayan Licht ist weder in Geschlechterrollen noch Gattungen festgelegt. Nach der Pause hatte er Werke der Sakralmusik ausgewählt. George Friedrichs Handel »Salve Regina« hielt mit Sätzen im Largo- und Adagiostil Momente größter Innigkeit bereit, bevor mit dem Exsultate, jubilate von Wolfgang Amadé Mozart eines der berühmtesten Werke das offizielle Programm abschloß, wozu noch einmal sämtliche Flöten, Hörner und Oboen funkelten und sangen. Bis zum Schluß blieb sich Maayan Licht in der flexiblen Gestaltung wie durch freie Koloraturen, treu.

… das Collegium 1704 lädt in seinen Bildungsprojekten Schulklassen ein, die in Proben den Künstlern näherkommen können – offenbar hatten beide Seiten daran Spaß, Photo: Collegium 1704, © Hana Görlichova

Der echte Farfallino soll trotz femininer Gestalt ein wehrhafter Mensch gewesen sein, der sich auch schon einmal hinter der Bühne duellierte. Dazu kam es im Vzlet glücklicherweise nicht, dafür erlebte das Publikum den Sopranisten bei seinem Prager Debüt noch zweimal mit Händel: als Cleopatra (»Da tempeste il legno infranto« aus »Giulio Cesare«), worin er sich als Kunstpfeifer mit einer Virtuosität, die dem Gesang nicht nachstand, erwies, und mit »Lascia ch’io pianga« (aus »Rinaldo«). »I want to perform it, but nobody is casting me« (Ich würde das gerne spielen, aber niemand besetzt mich) hatte Maayan Licht mit einem Augenzwinkern über die Rolle Cleopatras gesagt. Auf Nachfrage, wie »hoch« er denn käme, meinte er, sein Lehrer und er würden derzeit am hohen f für die Königin der Nacht arbeiten – aber nur fürs Konzert.

4. Februar 2026, Wolfram Quellmalz

Nächstes Konzert im Vzlet: 10. März, nächste Konzert des Collegium 1704 in Dresden: 27. Februar

Nächste Konzerte Maayan Licht: 21. Februar (Karlsruhe), 22. Februar (Brno), 13. und 15. März (Amsterdam) …Am 11. September tritt er bei Bayreuth Baroque mit Federico Fiorio und Dennis Orellana als »The Sopranos« auf.

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