Dresdner Hofmusik in der Loschwitzer Kirche
Die Vergangenheit ist an sich an nahezu allen Orten lebendig, auch Spuren des Krieges finden sich an vielen Stellen. In Dresden werden sie wegen der Zerstörung kurz vor Kriegsende am 13. und 14. Februar 1945 besonders bedacht und in der Loschwitzer Kirche gleich mehrfach offenbar – die Internetseite zeigt noch ein altes Bild, als nur noch die Fassade des im Krieg schwer beschädigten Gotteshauses stand. Nach der Wende wurde die Kirche wieder aufgebaut und beherbergt innen einen Altar aus der Sophienkirche, die durch Krieg und DDR-Regime verlorenging.

Pfarrerin Elisabeth Süßmitt versuchte in der Vesper am Freitagabend, den Sinn des Gedenkens mit Worten einzufangen, eines Gedenkens, das mit dem Suchen beginnt, aber keine Antwort oder Begründung dafür findet, welches Leiden bis zum heutigen Tag durch Kriege verursacht wird. Die sehr eindringlichen Worte ließen Platz für jeden, sich auf sein Gedenken zu besinnen.
Ähnlich konzentriert war das musikalische Programm, das von Altus David Erler und einem kleinen Ensemble des Dresdner Barockorchesters um Margret Baumgartl gestaltet wurde. Obwohl keine zwingende Analogie vorauszusetzen ist, das Trauer- oder Gedenkmusik nur mit »dunklen« Farben zu zeichnen wäre, waren diesmal gegenüber der einen Violine bis zu drei Violen (Lothar Haass, Adéla Drechsel und Andreas Gerhardus) dabei, außerdem Thomas Pitt (Violoncello) und Sebastian Knebel (Continuoorgel).
Das Programm stellte in der Vesperstunde Werkpaare gegenüber und spannte unterschiedliche Welten auf, denen ein Be- oder Gedenken, auch ein Trauern entweder durch den Text eingegeben war oder sich interpretieren ließ.
John Dowland zum Beispiel hatte, ganz ohne Worte, die musikalischen Tränen gleich auf sieben Weisen rinnen lassen: Lachrimae antiquae und Lachrimae verae aus den »Lachrimae or Seaven teares« beschrieben auf innige Weise den Zustand, wenn Tränen nicht nur als ein äußerliches Zeichen Leid oder Schmerz ausdrücken, sondern mit innerer Anteilnahme, Trauer und Erinnerung verbunden sind. Von den Streichern im Consort vorgetragen (mit Margret Baumgartls Violine jeweils in der Mitte), entstand ein Eindruck, der in seiner Dichte und akkordischen Harmonik nahe an ein Gambenensemble kam. Die in der Folge von Musik und Wort eingeplante Stille nach dem zweiten Stück von John Dowland (die »wahren« Tränen) schien im Sinne des oder eines Gedenkens wohlplaziert.
Johann Hildebrand hat, anders als Dowland, mit seinen »Kriegs-[Angst-]Seufftzern« nicht einen inneren Zustand illustriert, sondern Texte mit konkreten Gedanken um Verluste und Kriegsfakten umgesetzt. Sie beschreiben das Leid, das Krieg auslöst, was alles an Verlusten zu verzeichnen ist. Nur von der Continuoorgel begleitet, entfaltete David Erlers Altus eine besondere Eindringlichkeit in der Gestalt, verbunden mit einer einwandfreien Diktion.
Für Johann Christoph Bachs »Ach, daß ich Wassers genug hätte« wuchs das Instrumentalensemble um eine kleine Streicherbesetzung neben der Orgel. Der bekannte Lamento-Text wurde hier nicht nur durch die singende Stimme, sondern ebenso durch die ihr gegenüberstehende Violine (die vor dem Altus einsetzte) dargestellt. Berückend war die Intimität, welche die Musiker zu fünft erreichten! So konnte David Erler die Affekte, wie durch ein gedehntes »flie-ßendes Wasser« noch treffender einfügen, ohne sie zu überspitzen.
Die zweite mit Dowland beginnende und mit Hildebrand weitergeführte Folge schloß das »Lamento« von Johann Heinrich Schmelzer, wieder in der kleinen Besetzung Orgel und Streicher, ab. Für David Erler lag hier wohl die größte und sinnlich schönste Möglichkeit der Stimmentfaltung, vor allem fand er mit den Streichern in eine kantable Mehrstimmigkeit!
Für ein Abendlied (Gemeindelied EG 467 »Hinunter ist der Sonne Schein« von Nikolaus Hermann und Melchior Vulpius) wechselte Sebastian Knebel abschließend an die Wegscheider-Orgel.
14. Februar 2026, Wolfram Quellmalz
Nächste Veranstaltung in Loschwitz: Vor lauter Lauschen und Staunen – zum 100. Todestag von Rainer Maria Rilke, 27. März, 19:00 Uhr
Nächstes Konzert des Dresdner Hofmusik e. V.: Johannespassion von Heinrich Schütz, 8. März, 17:00 Uhr, Schloßkapelle