Collegium 1704 mit sinfonischen Meistern
Ein bis zwei programmatische Abweichungen gibt es pro Spielzeit der Musikbrücke Prag – Dresden in der Regel, wenn das Collegium 1704 zum Beispiel ohne seinen Chor für ein sinfonisches Programm in die Annenkirche kommt. Am Freitag war es wieder soweit: Nachdem es in den letzten Jahren eine Sinfonie von Jan Václav Hugo Voříšek (neben einem Klavierkonzert von Frédéric Chopin) sowie Suiten von François Francœur und Georg Friedrich Händel gegeben hat und Pavel Vranický mit seinem Zeitgenossen Ludwig van Beethoven zusammentraf, stand Wolfgang Amadé Mozart diesmal wieder ein Tscheche gegenüber: Jan Křtitel Vaňhal. Mit Jan Václav Hugo Voříšek verband ihn die Ostböhmische Heimat, mit Pavel Vranický der Wirkungsort Wien. Beide spielten dort, als Paul Wranitzky und Johann Baptist Vanhal, eine wichtige Rolle im Musikleben. Und wie Vranický (Beethoven, Mozart, Schubert) war Vaňhal mit wichtigen musikalischen Größen bekannt, neben Haydn und Mozart Carl Ditters von Dittersdorf und Ignaz Pleyel.
Erneut lohnte die Entdeckung, denn Vaňhals Sinfonie in D beeindruckte mit ihrer ungeheuren Farbigkeit und Eleganz. Unter anderem deshalb, weil der Komponist sie zwar mit zwei Flöten (ursprünglich Oboen) und zwei Hörnern besetzt haben, diese aber gar nicht solistisch in den Vordergrund treten läßt. Vielmehr bleiben sie eng umschlungen mit den Streichern und weben einen individuellen Klang, nur die Hörner »ragen« manchmal aus dem Fundament der Bässe heraus.

Das Collegium 1704 ist gerade für seine Vitalität in der Darstellung bekannt, doch hat es auch – gerade bei französischen Werken – eine süffige Art, ein Kolorit zu präsentieren, entwickelt. Solche Einflüsse sollten später noch einmal wichtig werden, zunächst aber verbanden sich Charme und Verve in feurigen Ecksätzen, während sich das leicht melancholische Arioso in der Mitte ausgesprochen sanft entfaltete. Václav Luks ließ aber keinen allein schmeichelnden Ton gewähren, sondern sorgte für eine pointierte, kontrastierende Zeichnung, etwa in den Violingruppen, die sich im langsamen Satz gegenüberstanden. War hier eine Kantabilität offensichtlich, wurden Allegro und Presto nicht weniger opernhaft bereichert.
Das Collegium erhielt das Attribut der Opernhaftigkeit, nun um Oboen und Trompeten ergänzt, mit einer Ballettmusik (KV 367) von Wolfgang Amadé Mozart, der einem Wunsch nachgekommen war und seiner Oper »Idomeneo« eine Ballettsuite im französischen Stil eingefügt hatte. Mozart orientierte sich also an der barocken französischen Art von Lully oder Rameau.
Man mag Mozarts Kompositionen kennen – diese Ballettmusik hatte wohl kaum jemand (im Konzert) zuvor gehört! Im Furioso des Beginns kamen sich Mozart und Vaňhal nahe, auch in der Eleganz wie im Passepied schienen sie verbunden, während der Pas seul eine Nähe zum Menuett offenbarte. Gestalterisch reizvoll waren die Tonartwechsel, mit denen Mozart oft einen anderen Charakter einleitete – eine echte Ballettaufführung könnte dies noch mehr ausmalen (würde man sich wünschen). Da war es eigentlich schade, daß der spontane Zwischenapplaus so schnell abbrach – hier hätte er einmal gepaßt und wäre vor allem berechtigt gewesen. Zumal der Schluß der kleinen Suite eher verhalten ausfiel, denn mit der Passacaille, in der Václav Luks noch einmal die (französische) Eleganz betonte, war ja das Ende der Oper nicht erreicht – die Aufführung von »Idomeneo« ginge hier weiter.
Nachdem zu Böhmen und Wien also München (wo am Hof französische Einflüsse gepflegt wurden) als Musikregion hinzugefügt worden waren, erfuhr Prag als Ausgangspunkt der Musikbrücke eine besondere Relevanz. Schließlich hatte Mozart die Stadt in den 1780er Jahren immer wieder aufgesucht und hier unter anderem seinen »Don Giovanni« uraufgeführt. Doch nicht nur diesen, auch die Sinfonie D-Dur, KV 504, erklang zum ersten Mal im Ständetheater. Heute gehört die »Prager Sinfonie« zu den beliebtesten Mozarts, was wohl daran liegt, daß er eine Musik wie Champagner geschrieben hat.
Das Collegium 1704 fügte dem Abend aber nicht nur eine erfrischende Ausgelassenheit hinzu, sondern bewahrte seinen Sinn für Dramatik, wie schon das einleitende Motiv (fast ein Schicksalsmotiv) zeigte. Doch Mozart hatte es nicht weiter ausformuliert, sondern in ein elegantes Lächeln umgemünzt. Frohsinn und die Verspieltheit des Rokoko allein standen ihm aber nicht im Sinn, wie dunkle Moll-Einfärbungen (Fagott) zeigten. Auch das Andante bereicherte die Schönheit um eine subtile Spannung. Freilich geriet das Presto, jetzt mit offensichtlich jubilierenden Flöten, ausgelassen.
28. Februar 2026, Wolfram Quellmalz
Im nächsten Konzert der Musikbrücke Prag – Dresden (22. März, 19:00 Uhr, Annenkirche Dresden) stehen Stabat-Mater-Kompositionen von Antonio Caldara, Francesco Durante und Jan Dismas Zelenka auf dem Programm. Im April schließt eine konzertante Oper (Alessandro Stradellas »San Giovanni Battista«) die Saison ab.