Richard Strauss‘ Rosenkavalier zu den Festtagen an der Berliner Lindenoper
Die Inszenierung von André Heller wirkt im sechsten Jahr nach wie vor taufrisch. Statt dem üppigem Prunk einer untergehenden Monarchie zeigt Heller luftige, feine Bilder. Die zauberhafte Bühne von Xenia Hausner leuchtet erst changierend zwischen geheimnisvollem Nachtblau mit feuerroten Spitzen und gefährlichem Violett, später frischt sie in jugendlichem Grün auf. Darauf tummeln sich Figuren mit phantastischen Kostümen (Arthur Arbesser) – so herrscht, selbst wenn der ganze Hausstaat der Faninals und die gesamte Lerchenauer Schar aufeinandertreffen, noch soviel Raum, daß man in den Szenen kleine Details, Nebenspielplätze und Extras entdecken kann. André Heller hat nicht seine Ideen aus dem Varieté und anderen Genres auf die Opernbühne gebracht, sondern die Oper um viele feine Facetten erweitert. Für seine erstaunlicherweise erste Musiktheaterregie erhielt er 2021 einen Österreichischen Musiktheaterpreis (Sonderpreis für die beste internationale Musiktheaterproduktion).

Wo soviel Luft ist, kann etwas entstehen. Schon in der Overtüre scheint das wild-stürmische Horn alle Turbulenzen, die der Abend bieten wird, vorauszuahnen. Christian Thielemann reichert die Ausgewogenheit immer wieder mit solchen Ingredienzen an, verschiebt die Balance dahin, wo die Szene spielt, flicht ein Piano ein, kein zartes, sondern ein tragfähiges. Es trägt unter anderem bei, daß man die Sänger so gut verstehen kann, sorgt aber auch für pointierte Bilder. Die arpeggierende Harfe unterstreicht die Gefühle, die versehentlich aufwallen, als sich der Rosenkavalier Octavian, der ja eigentlich nur die Liebesbotschaft überbringen soll, selbst in Sophie verliebt …
Unter den Sängern fallen einige Namen auf, die wir bereits gut kennen: Nikola Hillebrand war bis 2024 Ensemblemitglied der Semperoper und ist in der nächsten Spielzeit wieder als Pamina zu erleben. In Berlin tritt sie als Sophie auf, deren Weiblichkeit und Selbstbewußtsein gerade erwachen. Ihr gegenüber Patricia Nolz als Octavian, anfangs im Duett noch stimmlich zarter, während Sophie ihren Sopran bereits glitzernd vibrieren läßt. Doch der Rosenkavalier gibt seine Zurückhaltung auf, bewahrt sich Jugend und Eleganz und fügt diesen Attributen noch eine unwiderstehliche Präsenz hinzu.

Peter Rose läßt dem Baron Ochs auf Lerchenau Gerechtigkeit widerfahren. Oft wird die Figur über Gebühr lächerlich und mies dargestellt, dabei hat der Baron vom Lande, der kein Hagestolz sein will, durchaus seine Vorzüge. Der Ochs mag es halt deftig und pikant, ist vital, doch der hochmütige Satz »Bin mit Ihm wohl zufrieden« bringt ihn zur Strecke – beim Schwiegervater Faninal kommt er damit noch durch, doch gegenüber einem Österreichischen Kommissär geht er zu weit! Rose gelingt es, mit Schalk und Schmäh zu spielen, ohne eine kompletten Deppen aus dem Baron zu machen.
Schließlich ist eine andere die heimliche Hauptperson: die Feldmarschallin Fürstin Werdenberg. Noch so eine Figur in Balance, denn Julia Kleiter verleiht ihr nicht nur stimmlichen Glanz, sondern bewahrt Jugendlichkeit und erfahrene Würde in der Waage. Im Grunde ist fast jeder Satz, den die Feldmarschallin sagt, eine Lebensweisheit (»Wir leiden den Schaden, wir leiden den Spott, und wir haben’s halt auch net anders verdient«). Bei Julia Kleiter sind dies keine Lehrsätze einer lebenserfahrenen Dame, sondern zeugen von viel Mitgefühl und Verständnis.

Davon ist Herr von Faninal noch deutlich entfernt, aber er lernt im Laufe des Abends. Für Roman Trekel eine doppelt glänzende Rolle – sein goldener Anzug erinnert an den Protz der Oscar-Figuren, doch unter der siegelnden Oberfläche verbirgt sich ein unsicherer Vater, dem die Aufgabe seiner Ziele nicht leicht fällt. Doch er sieht ein – vom noblen Timbre unterstrichen – auf diesen Schiegersohn (Ochs) kann er verzichten. (Er bekommt ja einen viel besseren.)
Doch Strauss‘ bietet immer viel mehr als nur ein paar Paraderollen. Christa Mayer und Karl-Michael Ebner verzücken als etwas intrigantes Paar Annina und Valzacchi das Publikum. Andrés Moreno García läßt sich die Chance nicht entgehen, mit dem kurzen Auftritt des Sängers der Marschallin etwas Italienità in die deutschen Romantik zu bringen – sie wird der Darstellung »seiner Qualen« dennoch überdrüssig.
1. April 2026, Wolfram Quellmalz
Noch einmal am 5. April: Richard Strauss »Der Rosenkavalier«, Staatsoper Unter den Linden, Christian Thielemann (Musikalische Leitung), mit: Julia Kleiter, Patricia Nolz, Nikola Hillebrand, Peter Rose und anderen