Dresdner Musikfestspiele mit dem letzten Teil von Wagners »Ring« vor der Eröffnung
Noch vor der Eröffnung der Dresdner Musikfestspiele (DMF) gab es am Vorabend, dem Himmelfahrtstag, einen ersten Höhepunkt mit dem konzertanten vierten Teil von Richard Wagners Tetralogie »Der Ring des Nibelungen« im Kulturpalast. Das 2023 begonnene Projekt ist ein aufwendiges, nicht nur in der Besetzung, sondern wegen des Bemühens um eine historische Aufführungspraxis. Genauer gesagt »historisch informiert«, also der Versuch einer Annäherung. Versuche sollte man bekanntlich wiederholen, um das Ergebnis zu bestätigen. In diesem Falle gelte es auch, eine Nachwirkung nicht nur für das investierte Geld, sondern die investierte Leitung generell zu erreichen. Mit einer Einladung für das kommende Jahr (zum 50. Jubiläum der DMF) scheint der Grundstein dafür gelegt.

Die Frage, ob oder wie es anders klingt, ist nur eine von vielen, gehörte am Donnerstag aber zu den meistdiskutierten. Das Publikum setzte sich aus Wagner-Verehrern und Neugierigen, Dresdnern und internationalen Gästen zusammen, die ganz unterschiedliche Erfahrungsvoraussetzungen mitbrachten. Vorab suchten manche noch (vergeblich) eine Karte – Indizien für ein gelungenes Projekt und eine gelungene Vermittlung. Insofern schon mal ein Pluspunkt, denn »historisch informiert«, bei Alte-Musik-Freunden beliebt, kann Wagnerianern gehörig in die Nase, wenn nicht in die Ohren fahren: Thomas Hengelbrock erntete 2011 für seinen Originalklang-Tannhäuser in Bayreuth heftige, teils ungerechtfertigte Kritik. Wie meinte Jan Vogler zum Pressegespräch? »Man muß Wagner nicht auf Originalinstrumenten spielen, aber man kann!«

Nach der »Götterdämmerung« war eine recht einhellige Zustimmung, wenn nicht Begeisterung zu spüren. Mancher staunte, daß es gar nicht so viel andere geklungen hatte. Denn in der Tat: auf dem Weg vom Barock bis ins Heute lag 1876 (erster »Ring« bei den Bayreuther Festspielen) schon recht nahe an unseren Hörgewohnheiten, deutlich näher als die Schütz- oder Monteverdi-Ära.

Das sah man im Orchester an den schon recht modernen Geigenbögen, gleichermaßen hörten sich die Streicher kein bißchen gaumig an wie bei Alter Musik. Der Klang war insgesamt rund und weich (Attribute, die man heute ebenso anstrebt) und gar nicht so offensichtlich »anders«. Allerdings sängerfreundlicher – etwas tiefer und weniger laut, so daß sich die Stimmen nicht »gegen« das Orchester durchsetzen mußten. Am meisten waren die anderen Klänge natürlich bei den Bläsern hörbar, sowie im Tutti, vor allem mit Bässen, dann kam ein herrlich untergründiges Knarzen dazu.

Dem Gesang tat das gut, nicht zuletzt, weil Dirigent Kent Nagano so lang mit dem Projekt vertraut ist, ihm eine Richtung gegeben hat und umsichtig die Stimmen verwaltete. Interessant wäre für die (auch wissenschaftliche) Nachbereitung, die Frage zu diskutieren, ob es bei dem Projekt eine Art »chronologische Rückwirkung« geben kann – lassen sich unsere Hörgewohnheiten als Klangmaßstab wirklich komplett »ausschalten« und ist eine »rückwärtige Annäherung wirklich möglich?
Das Orchester, aus dem Concerto Köln und dem Dresdner Festspielorchester bestehend, überzeugte mit einem homogenen, fast noblen Klang und manchen Spannungsspitzen. Nur hin und wieder, wie in Siegfrieds Todesmarsch (»Rheinfahrt«), fiel der Vergleich zu heutigen Opernorchestern mit ihrer noch deutlicheren Gestaltungskraft deutlicher aus.

Auch der Chor (Dresdner Festspielchor der Richard-Wagner-Akademie sowie Sänger aus dem Chor der KlangVerwaltung, Einstudierung: Matthias Jung), in dem noch mehr Dresdner Namen auffielen als im Orchester, beeindruckte mit seiner Klangpräzision und Verständlichkeit. In manche Szenen (Siegfrieds Mannen im dritten Aufzug) entwickelte er bzw. die aufgeteilten Gruppen geradezu illuminative Kraft.

Abgesehen von wenigen Veränderungen des Saallichtes beschränkte sich die szenische Aktion auf Mimik, angedeutete Gesten und Auftrittsorte der Solisten. Daß von hinten oder oben Sänger einsetzten oder die Kuhhörner schallten, machte absolut Eindruck!
Unter den Solisten ragte Patrick Zielke als Hagen heraus, der mit wenigen Mitteln die ganze Bühne beherrschte. Seine kräftige Stimme hatte viele Farben, konnte kräftig tönen, aber auch ironisch sein, höhnen, böse werden – fast hätte man diesen Unhold (Hagen überlebt fast alle und erschlägt Gunther, bevor ihn die Rheintöchter in die Tiefe ziehen) gemocht!
Für geradezu berauschende Glückmomente sorgte Åsa Jäger als Brünnhilde, deren emotionale Bandbreite nicht nur viele Facetten bediente, sondern jede fehlende Ausstattung wettmachte. Ein so herrliches Vibrato gezielt einzusetzen, es nicht endlos schwellen zu lassen, sondern verschiedene Szenen zu beleben und Zustände darzustellen, sollte ebenso eine Nachwirkung erfahren dürfen wie der ganze »Ring«!

Young Woo Kim fiel als Siegfried zunächst mit seiner kräftigen Stimme auf, was ein Vorteil ist – den »Ring«, vor allem im Ganzen, muß Siegfried erst einmal schaffen. Seine Dauerlautstärke allein überzeugte zwar nicht, im Verlauf wurde Young Woo Kim jedoch immer ausdrucksstärker.
Auch Johannes Kammler (Gunther), Sophia Brommer (Gutrune), Olivia Vermeulen (Waltraute) und Daniel Schmutzhard (Alberich) konnten solistische Akzente setzen, wie im sich steigernden Streit zwischen Brünnhilde und Waltraute, doch gefielen die Besetzungen der Nornen (Jasmin Etminan, Marie-Luise Dressen, Valentina Farcas) und Rheintöchter (Ania Vegry / Woglinde, Ida Aldrian / Wellgunde, Eva Vogel / Floßhilde) nicht weniger.

So ließ sich – mit und ohne Übertext – das gesungene Wort meist ausgezeichnet verfolgen – man hüte sich, Wagners Dichtung vorschnell zu belächeln! Sie enthält viel Sinn und Witz und manche Überraschung. Das einzig grausige am Projekt ist sein Marketing-Titel The Wagner Cycles. Lieber Herr Vogler: Jeder Japaner, Amerikaner, Franzose […] sagt »Der Ring«!

15. Mai 2026, Wolfram Quellmalz