Glücklicher Ersatz

Kuss Quartett springt bei den Dresdner Musikfestspielen ein

Kurzfristig hatte das Hagen Quartett seinen Auftritt in der Annenkirche absagen müssen, doch fand der Veranstalter glücklicherweise einen Ersatz. Somit änderte sich aber auch das Programm: Statt Mendelssohn (a-Moll) und Schumann (a-Moll) gab es Quartette von Joseph Haydn (»Der Scherz«, Opus 33 Nr. 2) und Franz Schubert (»Der Tod und das Mädchen«) zu hören, in der Mitte blieb György Kurtág eingebettet, allerdings wurden statt »12 Mikroludien« sein »Officium breve in memoriam Andreae Szervánszky« Opus 28 gespielt.

Ungewohnt war diesmal der Raum, denn eine Kirche ist natürlich gerade NICHT das, was man für die Königsdisziplin der Kammermusik erwartet. Der lange Nachhall stand somit dem intimen Charakter der Quartette – zumindest bei Haydn und Schubert – etwas entgegen, außerdem irritierte gerade hier auch die Lichtinstallation – »Hintergrundbeleuchtung« hätten die Musikfestspiele doch nicht nötig!

Die Quartette Joseph Haydns gehören natürlich zum Standard der Gattung und werden gerne zu Beginn gespielt, obwohl sie mehr als nur die Funktion eines Hors d’Œuvres verdient hätten. Hier war das Programmschema jedoch gelungen, denn einerseits stellte es mit zwei Wiener Klassikern den »Rahmen« für das zeitgenössische Werk (wobei der eine Klassiker noch der Lehrer des anderen gewesen war), andererseits griff das Kuss Quartett trotz des kurzfristigen Termins nicht zu einem der bekanntesten Werke, sondern zum »Scherz«, einer Schwester des berühmteren »Vogelquartetts«. Alle sechs aus Opus 33 werden heute wegen des Widmungsträgers Paul von Rußland »Russische Quartette« genannt (allerdings stammen weder die Beinamen von Haydn noch veranlaßte er die Widmung). Den »Scherz« kosteten Jana Kuss, Oliver Wille (Violinen), William Coleman (Viola) und Mikayel Hakhnazaryan (Violoncello) genüßlich und sehr reichlich aus, mit ausgeprägten Schluchzern im Trio des Scherzos, aber auch in den mehrfachen, von den Spielern belauerten »Pausenfallen« des Finales. (Allerdings tappte keiner der Zuhörer hinein.)

Das Quartett György Kurtágs umfaßt ganze fünfzehn (!) Sätze, die jedoch episodischen Charakter haben, so daß das Werk insgesamt weniger als eine Viertelstunde lang ist. Oliver Wille führte kurz mit ein paar Worten in das Werk ein – solche Einleitungen und »Brücken« wünschte man sich öfter, denn sie öffnet mehr Ohren unter den Zuhörern als dies Programmtexte vermögen, die vor allem von den sowieso interessierten gelesen werden.

Kurtágs Miniaturen sind kleine Hommagen, die zwar auf kleineste Strukturen aufbauen, jedoch alle melodisch oder farblich ausgeprägt sind und nicht der Idee einer »minimal music« folgen. Höchst unterschiedlich zeichnete das Kuss Quartett ruhige, sanfte oder stechende Szenen, rundete klanglich ab, betonte nuanciert Verfremdungen, ohne sie durch Übertreibung herauszuheben. Selbst ein Kratzen wirkte als innerer Bestandteil des Werkes, auch die Folge von fragmentarisch anmutenden Sätzen und solchen in mehreren Teilen war von Ausgewogenheit geprägt. Solch feine Wiedergabe bereichert und vermittelt moderne Werke!

Mit dem abschließenden Quartett D 810 von Franz Schubert stand dann schließlich einer der bedeutendsten Gattungsbeträge nach der Pause auf dem Programm – hier fehlte der intime Charakter der »Kammer« deutlich. Schön nachzuvollziehen waren der gemeinsame Bogenstrich von erster Violine und Viola im ersten Satz sowie die geglückten Modulationen des Variationssatzes, der auch in Metrum und Dynamik reich präsentiert wurde, Obertonreich sang das Cello. Kleine Unstimmigkeiten in der Intonation schlichen sich hier und da kurz ein, in Scherzo und Presto fand das Quartett aber zu seiner Ausgewogenheit zurück.

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