Musik aus tausendundeiner Nacht

Erzählen von Orient und Okzident

Die Dresdner Musikfestspiele gingen mit einem märchenhaften Abend in ihre zweite Woche. »Dorothee Oberlinger und Freunde« hatte das Programmheft schlicht angekündigt, es war aber viel mehr als nur das Zusammentreffen von Musikerfreunden – es war ein Zusammentreffen der Musikwelten. Einmal mehr erwies sich dabei die Annenkirche mit ihrem im schönsten Jugendstil wiedererblühten Innenraum als Hort des besonderen Musikgenusses.

Die »Freunde« waren an diesem Abend Mitglieder des Ensembles 1700 (Oberlinger) und des Ensembles Sarband (Vladimir Ivanoff). »Ensemble« steht hier jedoch nicht für kleine Kammerorchester, sondern für einzeln besetzte Instrumente, so daß sich am Ende gerade acht Musiker im Halbkreis vereinten. Was sie dort entfachten, war für viele der Besucher vermutlich (bisher) »unerhört«. Als »Paradiese der Luft« bezeichneten die Musiker ihre Wanderung durch die Zeiten und Welten, welche von Venedig über Konstantinopel und den Balkan bis nach Armenien und schließlich China führen sollte. Für diese Reise vereinten sich auch die Instrumente der Länder, und jedem gewohnten europäischen war ein ungewohntes orientalisches gegenübergestellt. So fanden sich Harfe und Psalter (Kanun) zu einem Paar, Violoncello und Schoßgeige (in verschiedenen Größen und Stimmlagen). Türkische und arabische Neys fanden mit Dorothee Oberlinger, die mit einem kleinen Consort an Flöten von Piccolo bis Subbaß angereist war, ein Gegenüber. Manches Mal mußte man staunend schauen und hören, um herauszufinden, welches der Instrumente gerade welchen Klang erzeugte. Die kleine Schoßfiedel auf jeden Fall kam zumindest an diesem Abend der menschlichen Stimme am nächsten, Dorothee Oberlinger machte dafür – vor allem bei Vivaldi – den Singvögeln Konkurrenz. »Wolkenkratzer« nannte Vladimir Ivanoff die Subbaßflöte ob ihres kantigen Aussehens – die spezielle Bauform der Paetzold-Flöten mutet an, als bestünde sie aus den Klötzchen eines Baukastens.

Nicht nur in der äußeren Form und im Ton, auch in der Tonalität und den Tonsystemen unterschieden sich die Instrumente. Dennoch fanden sie auf wunderbare Weise zusammen. Ein wenig, als seien Mogul Akbar, Amigo Vespucci und Niccoló Machiavelli aus Salman Rushdis »Die bezaubernde Florentinerin« nach Dresden gekommen, denn mit Ausnahme Chinas streiften die Musiker durch deren Welten. Oftmals spielten die Musiker alleine oder zu zweit, nur manchmal alle. Dabei hatten die jeweils nicht spielenden aber keine Pause, sondern blieben als Zuhörer in den Halbkreis eingeschlossen. Aus diesem Zuhören folgte im Spiel das Miteinander, so daß die Leitung der Ensembles noch weniger exponiert war, als man dies zum Beispiel von Kammerkonzerten kennt.

In Venedig begann die Reise mit Antonio Vivaldi, dem aber schon eine orientalische Färbung beigemischt war, ohne daß dies fremd wirkte. Von hier wandelten die Musiker zwischen meditativen, erzählerischen und transzendentalen Weisen, vermischten Zeiten und Welten, aber nicht wie das Amalgam eines Alchemisten oder die Melange eines Créateurs, sondern als folgten sie einem natürlichen, organischen Lauf – aus Luft, Wasser und den Winden schien diese Musik zu entstehen, viele der Stücke entwickelten sich gleichsam natürlich und fließend, ohne einen prägenden Rhythmus oder das Schema eines übergeordneten Zeitmaßes.

Die Wanderung zwischen den Welten ließ sich auch aus den Namen der Komponisten ablesen, die aus Italien (Vivaldi, Giorgio Mainerio, Giovanni Battista Toderini) dem Orient (Alî Ufkî, ein gebürtiger Pole) und Asien (Isang Yun) kamen, zu denen aber auch anonyme Autoren gehörten und Gazi Giray Han, bei dem es schon schwerfällt, ihn einer bestimmten »Welt« zuzuordnen.

Die musikalische Wanderung war bereichernd, überraschend und berauschend, was noch zwei Zugaben (eine abendländische, eine morgenländische) herausforderte.

13. Mai 2016, Wolfram Quellmalz

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