Berückend, berauschend, beanspruchend

Dresdner Philharmonie startet in die neue Spielzeit

Die neue Saison läßt man nicht einfach so anfangen, man nutzt den Beginn gerne für einen Paukenschlag, läßt aufmerken, gibt einen Ausblick auf die Spielzeit. Michael Sanderling hat schon in den letzten Jahren immer wieder Sinfonien Dmitri Schostakowitschs auf seine Programme gesetzt, zur Eröffnung gab es diesmal die vierte. Und dazu gleich den ersten Auftritt des »Artist in Residence« Bejun Metha.

Der Countertenor stellte sich dem Publikum zunächst mit drei italienischen Arien Wolfgang Amadeus Mozarts vor. Für seine in Mailand uraufgeführte Opera seria »Mitridate« hatte dieser eine dreiteilige Ouvertüre im Stil einer Sinfonietta geschrieben. In kleiner Mozartformation und stehend verliehen die Philharmoniker um Konzertmeister Ralf-Carsten Brömsel dem Werk jenen Esprit, welcher wohl damals schon für Mozarts großen Erfolg verantwortlich war – besonders schön im Menuett mit Flöten (die Klarinetten lernte Mozart erst in Italien kennen und lieben und sollte ihnen später noch ihren Platz einräumen).

Mit »Ombra felice!…« betrat dann Bejun Metha die Bühne. Im Rezitativ der kurzen Szene sang sich Metha noch ein wenig frei, doch schon mit der darauffolgenden Schmerzensarie (»Ich verlasse dich…«) betörte er sein Publikum, selbst die Wolken ließen ihre Regenlast auf das Glasdach des Albertinums weinen. Was hier so phaszinierte, war weniger der süße Schmelz, sondern die innige Berührung, mit der Metha jeden im Saal erreichte – und das, obwohl hier nicht die glücklichsten akustischen Verhältnisse herrschten. Wie schön, daß Michael Sanderling diesem Ansinnen folgte und dem Sänger eine geschmeidige Begleitung unterlegte. Auch in »Vadasi – già dagli occhi« (»Schon wich der Schleier von den Augen«) konnte sich Bejun Metha auf diese »Tuchfühlung« verlassen, mit feinsten Nuancen und im Piano berühren, ließ dunkle Färbungen um so eindrucksvoller einfließen. Vollkommen ohne Krafteinsatz und mit größter Mühelosigkeit gelangen so auch emphatische Züge, wie der Anruf an die Liebste in »Cara, lontano ancora…« (»Liebste, wenn auch fern von Dir…« aus »Ascanio in Alba« KV 111). Umwerfend, wie schlicht und voll innerer Schönheit Michael Sanderling und die Philharmonie zu begleiten verstanden.

Für seinen Einstand darf man Bejun Metha Traumnoten zugestehen. Er krönte seinen Konzertteil schließlich noch (nun selbst dirigierend) mit einer berückenden Arie aus Georg Friedrich Händels Oratorium »The Choice of Herakles«. Bejun Metha war weit davon entfernt, durch Forcierung Drama zu erzeugen und Spitzentöne herauszuschleudern, gerade mit dieser Gediegenheit begeisterte er sein Publikum.

Da hieß es einen inneren Schalter umstellen für Schostakowitsch. Seine vierte Sinfonie erfordert ein mehrfaches an Musikern, aber auch ein enormes Stehvermögen (auf beiden Seiten). Michael Sanderling gelang das Kunststück, die innere Spannung des Werkes fühlbar werden zu lassen, daß es teilweisefast körperlich zu spüren war.

Gleich zu Beginn zeichnet Schostakowitsch eine beklemmende Atmosphäre, und selbst in der Ruhe scheint stets eine Gefahr (Trommel) immanent zu sein. Überhaupt sollte man sich bei Schostakowitsch hüten, eindeutige Bilder oder Interpretation zu suchen, zu finden. Sein Spiel mit Ironie, mit dem Schein und der Groteske führt hinters Licht, zeigt aber auch die Zerbrechlichkeit und Bedrohtheit des Lebens, des Individuums. Wenn im Opernmärchen die Fee auftritt, erklingt oft eine Celesta – bei Schostakowitsch erwecken diese zauberischen Töne Mißtrauen. Und wenn man im dritten Satz idyllische Bilder wie bei Brahms zu hören glaubt, wenn am Ende Papagenos fünftöniges Flötenmotiv und kurz darauf Froschgequake erkennbar scheint, dann ist dies alles andere als idyllisch oder heiter, es bleibt beklemmend, brüchig, verletzlich. Ein ständig bedrohtes und zerbrechliches Leben.

Die Philharmonie spürte den Herztönen der Sinfonie nach, über eine Stunde lang, erschöpfend, begeisternd, phantastisch!

5. September 2016, Wolfram Quellmalz

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