Tanzmeister auf dem Cello

Yo-Yo Ma im Sonderkonzert der Dresdner Musikfestspiele

Das muß man Jan Vogler lassen: er duldet nicht nur andere »Götter« neben, sondern auch über sich. Dazu zählt der vor einem Jahr verstorbene Heinrich Schiff, einer seiner Lehrer, oder Yo-Yo Ma, von dem der Intendant der Dresdner Musikfestspiele sagt, er hielte ihn für den besten Cellisten derzeit – eine so offene Anerkennung unter Kollegen ist nicht selbstverständlich und wiegt doppelt. Lange hatte Jan Vogler versucht, Yo-Yo Ma nach Dresden zu locken, nun ist dies geglückt: als Vorgeschmack auf die Musikfestspiele (10. Mai bis 10. Juni), die das Instrument des Jahres mit einem Schwerpunkt »Cellomania« würdigen, präsentierte der amerikanische Musiker Johann Sebastian Bachs sechs Suiten für Violoncello solo in der Frauenkirche – nicht nur an einem Abend, sondern (fast) ohne Pause, mehr als zweieinhalb Stunden.

Kein Cellist, der sich nicht daran versucht hätte, alle Suiten zu lernen, zu spielen, aufzunehmen, im Konzert aufzuführen – ein Meilenstein. Yo-Yo Ma entfaltete im Kirchenschiff ein musikalisches Bekenntnis, das nicht anfing, sondern die ersten Klänge sanft und leise aus dem Raum zu holen und erst dann in diesen zurückzustrahlen schien. Grundlage der Suiten sind Sätze, die sich an überlieferte Kunsttänze anlehnen. Für Yo-Yo Ma standen aber weder Schemata noch technische Perfektion im Mittelpunkt, sondern Rhythmik, Spannung und innerer Puls. Prélude und Allemande gaben jeweils den Verlauf vor, in den Yo-Yo Ma einen Spannungsanstieg legte. So »erwachten« die leise begonnenen Suiten G-Dur oder d-Moll regelrecht zu Leben. Der dramatische Impuls wurde von den nachfolgenden Couranten jeweils flink gebrochen, bevor die Sarabanden andächtige Ruhepunkte setzten. Erst im fünften Teil, wo Johann Sebastian Bach Menuette, Bouréen oder Gavotten verwendet hat, unterscheidet sich die Satzfolge der Suiten. Hier nun fand Yo-Yo Ma erneut einen Spannungsanstieg, den er in der abschließenden Gigue zu einem Höhepunkt führte (Suite Es-Dur) oder in jener harmonischen Auflösung verklingen ließ (D-Dur), in der die erste Suite begonnen hatte.

Es waren nicht die Kontraste zwischen den Sätzen, welche die Spannung hervorbrachten, sondern gerade die innere Bildung der Stimmen und die Überleitung der Teile. Gleich am Beginn schärft die Baßstimme das Prélude aus BWV 1007, um dann in der Sarabande seine beruhigende Wirkung zu entfalten. Die Belebung der Couranten wiederum entsprang nicht einzig dem Tempo, sondern der federnden Leichtigkeit, die Yo-Yo Ma auf seinem Cello hervorzauberte.

Die »Vorprägung« der ersten Sätze wies auf den Charakter der jeweiligen Suite hin, differenziert ausgestaltet vom Cellisten. Während die erste Suite betont gesanglich war, schien die zweite, als sei das Instrument in ein Gespräch vertieft. Und auch nach über zwei Stunden war Yo-Yo Ma mit seiner Kraft und dem Gestaltungsvermögen noch nicht zu Ende: die Allemande der sechsten Suite ließ er im Kirchenraum schimmern, als wäre sie ein Widerhall, die folgende Courante war an Feinheit kaum zu überbieten, die leichtfüßige Gavotte der fünften Suite wiederum war ein kaum versteckter Choral.

Die im Zentrum stehenden beiden Suiten gerieten am impulsivsten, energiegeladensten, zeugten von der größten Vehemenz – man fragte sich, weshalb ausgerechnet Tanzsätze wie Menuett oder Bourrée heute mit der diskreditierenden Vokabel »verzopft« in Verbindung gebracht werden.

Nach solcher »Pilgerreise« (Yo-Yo Ma) scheint eigentlich das letzte Wort gesprochen, aber auf den großen Jubel und Applaus bat der Cellist mit einer Geste (er zeigt eine »Kleinigkeit« an) noch einmal um Ruhe und sandte Bach einen  »Prayer-Gesang« als Zugabe nach: »Song of the Birds« von Pablo Casals.

1. Februar 2018, Wolfram Quellmalz

Tip: Zur »Cellomania« während der Dresdner Musikfestspiele sind in elf Konzerten der Reihe innerhalb der Festspiele zahlreiche Weltklassecellisten wie Mischa Maisky (15. Mai), Alban Gerhardt (18. und 21. Mai) und Steven Isserlis (13. Mai) zu erleben, aber auch »Junge Wilde« (19. Mai) und eine Lange Nacht (21. Mai) sowie Dresdens neue Cello-Professorin Marie Elisabeth Hecker und natürlich Jan Vogler zu erleben.

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