Olli Mustonen und der Sturm

Moritzburg Festival nun auch in Moritzburg

Nach dem Beginn an anderen Orten kehrte das Moritzburg Festival am Mittwoch an seinen Ursprungsort zurück. Den Reigen eröffnete zunächst ein Konzert in der Evangelischen Kirche, bevor am Wochenende das Schloß wieder in den Mittelpunkt des Geschehens rückt.

Und wie so oft gab es ein Konzert vor dem Konzert – der finnische Pianist Olli Mustonen stellte sich in einem Portrait mit Ludwig van Beethovens »Appasionata« vor. Ungewöhnlich hart und metallisch klang der Bösendorfer zunächst – solche Klangmerkmale kennt man eher von anderen Marken. Aber es war wohl der Pianist, der diesen kristallinen, expressiven Ton anstrebte. Dem Titel des Abendkonzertes (»Tempest«) folgend stürmte und tobte er durch die Sonate auch darstellerisch mit großer Geste. Dem Andante con moto gönnte Mustonen eine getupfte Innigkeit, ohne jedoch die Eindringlichkeit seines Vortrages aufzugeben. Dabei ist der Finne durchaus zu lyrischen Farben fähig, wie der zweite Satz und das Nebenthema des dritten bewiesen. Bedächtigkeit hier und da, ein sanftes Sprudeln eröffnete das Brausen des Finales. Wie expressiv darf Beethoven denn sein? Der Sturm war immerhin gehörig, Klippen und Kontraste gab es reichlich, doch Schattierungen ließ Olli Mustonen diesmal vermissen.

Wie expressiv denn Schubert sein darf, mochte sich mancher später vor der Pause fragen. Dessen B-Dur-Klaviertrio mit dem Finnen am Flügel, Jan Vogler am Cello und Paul Huang an der Violine folgte dem Beethoven’schen Ansatz im Temperament. Süffig spielte Vogler, sprudelnd Mustonen, doch war dies überbordende Element enorm bestimmend. Wie schade, daß sie nicht dem gemäßigteren Ton ihres Kollegen folgten, etwas Impression hätte Schuberts Kammermusik doch vertragen!

Begonnen hatte der Hauptteil mit Rossini und seiner »Tempest«-Sonate (eigentlich doch bitte »Tempesta«!) für zwei Violinen (Mira Wang und Danbi Um), Violoncello (Floris Mijnders) und Kontrabaß (Janne Saksala). Die ungewöhnliche Zusammenstellung ist das Werk eines zwölfjährigen Komponisten und des dem damaligen Anlaß verpflichteten Pragmatismus. Launig begann das Stück mit Haydn’schem Gestus, entfachte Sturm und Bienenschwarm, offenbarte aber auch manche sinnliche Passage (Andante assai). Immer – oder meist – voran Mira Wang, welche als Primaria besondere Singstimmen und Schluchzer zu vollführen hatte – herzig!

Mit fünf Melodien Opus 35A von Sergej Prokofjew hatten Olli Mustonen und seine Frau Sole in einer Eigenbearbeitung (das Stück ist ursprünglich für Singstimme und Klavier geschrieben, dann für Violine und Klavier) den Abend nach der Pause fortgesetzt, auch hier war das Temperament des Pianisten bestimmend geblieben. Dennoch kam darüber hinaus (Andante non troppo) ein Schimmer der Oboe zum Leuchten.

An Turbulenz fehlte es diesem Konzert also mitnichten! Und so war der Abschluß mit Edvard Griegs einzigem Streichquartett schon beinahe zwingend. Danbi Um, Paul Huang, Nicholas Chords (Viola) und Narek Hakhnazaryan (Violoncello), die am Vortage noch viel geprobt und einen gemeinsamen Ansatz gesucht hatten, fanden und entfachten den Sturm auch in Griegs Opus 27, doch beeindruckten sie dabei mit einer differenzierten Gestaltung, feinen Stufungen und Stimmungen und einer wunderbar süß schmachtenden Viola.

Man darf also gespannt sein: Wird Olli Mustonen auch am Sonnabend in Schumanns Es-Dur-Quintett die »Erschütterungsgrenze« suchen? Interessant werden wird es allemal: schon 2012, als der Finne gemeinsam mit Sofia Gubaidulina und Jörg Widmann Residenzkomponist gewesen ist, hatte er sich dem Publikum mit eigenen Werken vorgestellt, was in bester Erinnerung geblieben ist. Auch davon gibt es im Konzert im Schloß dann mehr zu hören.

16. August 2018, Wolfram Quellmalz

Tip: Gleich heute geht es weiter mit der »Langen Nacht der Kammermusik« und den Musikern der Moritzburg Akademie (19:00 Uhr, Evangelische Kirche Moritzburg).

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