Neue Jüdische Kammerphilharmonie in der Dresdner Synagoge

Michael Hurshell und die NJK brachten Musik (quasi) nach Hause

Der Untertitel »Die Musik nach Hause bringen« traf es im Grunde noch besser als »Von Hollywood nach Berlin« (obwohl dies schon geographisch zutreffend war), denn die Komponisten der Musik, die am Dienstagabend in der Dresdner Synagoge erklang, waren in Deutschland oder Österreich geboren oder aufgewachsen, hatten wichtige Positionen oder studierten in Leipzig, Wien, Dresden. Marc Lavry, Erich Wolfgang Korngold, Miklós Rózsa und Franz Waxmann emigrierten nach Amerika, prägten dort die Orchester und veränderten die Welt der Filmmusik. Wirklich zurückgekehrt, gerade im Sinne, daß ihre Werke gespielt und in den Kanon der Musik aufgenommen worden wären, sind sie bis heute nicht.

Michael Hurshell, der Leiter der NJK, präsentierte fünf Werke im Rahmen eines Konzertes, das zu den Jüdischen Kulturtagen Berlin zählte. Am 17. November sollte es noch einmal in der Synagoge Rykestraße Berlin wiederholt werden, womit dem Titel »Von Hollywood nach Berlin« entsprochen worden wäre. Daß das Konzert (die NJK war mit dem Bus bereits in Berlin) pandemiebedingt kurzfristig abgesagt werden mußte, ist um so bedauerlicher.

Denn zu entdecken gab es wieder viel. Manches, wie Marc Lavrys Psalmvertonung »Al Naharot Bavel« (An den Flüssen Babylons) hatte man mit der NJK bereits gehört, die Musik Erich Wolfgang Korngolds ist mittlerweile doch ein wenig vertraut, obwohl sein Œuvre in der öffentlichen Wahrnehmung oft auf seine Oper »Die tote Stadt« beschränkt scheint. Sein Sextett Opus 10 (im Original »symmetrisch« mit je zwei Violinen, Violen und Violoncelli besetzt) zeigt in der Orchesterfassung (Bearbeitung: Michael Hurshell), wie sinfonisch das Kammermusikstück ist, zudem werden Kontraste durch die Hinzunahme der Kontrabaßstimme noch geschärft.

Noch größere Aufmerksamkeit erregten nach der Pause aber die Werke von Miklós Rózsa, Bernhard Herrmann und Franz Waxmann. Miklós Rózsas von Solostimmen getragenes Andante con moto enthielt einen aufwärtsstrebenden Gestus ebenso wie melancholische, ja, tragische Momente – vereinigen sich hier der Aufbruch, die Flucht ins Überleben mit dem Heimatverlust, den man auf der Flucht erleidet?

Am tiefsten beeindruckte Bernhard Herrmanns Erzählung für Orchester »Psycho« (A Narrative for Orchestra). Das Stück ist dezidiert eine Filmmusik, im Konzert zeigte sich, daß sie ganz explizit auch eine klassische Musik ist. Verblüffend war, welche eigene Kraft in ihr steckt und daß sich Filmbilder (im Kopf) beim Hören nicht unwillkürlich »davorschieben« – der Film dominiert also nicht die Musik.

Franz Waxmanns Sinfonietta für Streichorchester und Pauken enthält – wie viele solcher Werke, eine der Lebenserfahrung entsprechende Klage und Melancholie, die sich gerade im zweiten Satz (»Dirge«) offenbart. Und wie viele solcher Stücke enthält es den Schlüssel zum Überleben, zum Aufbruch, hier in einem frohen Finale – Scherzo.

18. November 2021, Wolfram Quellmalz

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