Schlanker Schütz und »Londoner« Brahms

Ensemble LauschWerk beim Heinrich Schütz Musikfest

Am Donnerstag kehrte das Ensemble LauschWerk beim Heinrich Schütz Musikfest (HSMF) in die Dreikönigskirche Dresden ein. LauschWerk, das sind Sängerinnen und Sänger, die im wesentlichen aus der Audi Jugendchorakademie hervorgegangen sind und sich für eine Sängerlaufbahn entschieden haben. Unter der Leitung von Martin Steidler, bereiten sie sich mit Werken zwischen Renaissance und Moderne für professionelle Ensembles vor.

Photo: NMB

Nach Dresden brachten sie eine interessante Auswahl von Werken Heinrich Schütz‘ mit sowie Johannes Brahms Deutsches Requiem in der Londoner Fassung. Die Zusammenstellung war durchaus nachvollziehbar und stimmig, schließlich gehörte Brahms zu jenen Komponisten, die sich mit ihren Vorfahren stark auseinandergesetzt haben. Die spezielle Fassung wiederum konnten wir in den letzten drei Jahren – teils unfreiwillig – kennen- und schätzenlernen: Brahms hat darin das begleitende Orchester durch ein Klavier (vierhändig) ersetzt, was durchaus gelungen ist und in den letzten zweieinhalb Jahren manche sonst abgesagte Aufführung ermöglicht hat. Mit Christine Schornsheim, die bei Schütz die Continuoorgel spielte, stand dafür sogar eine recht prominente Besetzung zur Verfügung. In der Vierhändigkeit am historischen Blüthner-Flügel (vom Leipziger Spezialisten Martin Schwabe betreut) wurde sie von Sofya Gandilyan unterstützt.

Besonders gelungen waren die drei Schütz-Titel: das Concert in Form einer teutschen Begräbnis-Missa (SWV 279), die Motette »Herr, wenn ich nur dich habe« (SWV 280) sowie das Canticum B. Simonis aus den Musikalischen Exequien (»Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren«, SWV 281) blieben nicht nur nach dem Zusammenhang der Einträge im Schütz-Werke-Verzeichnis verbunden, sondern gewannen durch das gelungene Gegenüber der im Vers mehrfach wechselnden und sich überschneidender Soli mit den gemeinsam (»Capella«) gesungenen Passagen an Kraft. Gerade hier klang der Chor besonders gut, klar und – im Sinne des Textes – beruhigt. Die Geschlossenheit des ersten Teils war sicher nicht minder Resultat einer dezidierten Vorbereitung. Nicht vergessen werden darf die kleine, aber um so stimmigere, gesangsorientierte Continuogruppe (mit Mariona Mateu Carles / Violone).

Ebenso wie die Gestaltung des Brahms-Requiems. Natürlich stellt dies – noch dazu im Raum einer zuvor unbekannten Kirche – ganz andere Ansprüche. Die Soli hatten nach kurzfristigen Ausfällen Laura Barkle (Sopran) und Jonas Müller (Bariton) übernommen.

Martin Steidler arbeitete dynamische Akzente sehr genau heraus, wie eine Zunahme an Intensität (nicht nur Lautstärke) im »Denn alles Fleisch, es ist wie Gras«, eine Intensität, die sich auf der zweiten Zeile bereits entspannte, ohne daß es im Tempo oder musikalischen Fluß zu Schwankungen kam.

Intonationssicher gelangen vor allem die Pianopassagen sehr schön, während im Crescendo (oder auf dem Weg dahin) die Soprane eine etwas unangenehme Schärfe beitrugen. Daß die Verständlichkeit in großen Tuttistrophen einbüßte, ist nachvollziehbar und der Akustik sowie dem Anspruch des Werkes geschuldet. Davon abgesehen merkte man in bezug auf Spannungsbogen und Fluß, daß hier eben (noch) kein Profiensemble sang. Dieser Hinweis sei gestattet, immerhin war das Konzert ja nicht Teil irgendeines Nachwuchsprojektes, sondern gehörte zum HSMF und war dort auch entsprechend eingeordnet (Preisverhältnis der Eintrittskarten wie bei den Residenzkünstlern des Vergangenen Jahres Akadêmia aus Frankreich, die am Tag zuvor in der Kreuzkirche spielten). Leider wurde die Spannung auch – zumindest in den Pausen zwischen den Sätzen – getrübt, weil in einem anderen Raum des Hauses offenbar ein Posaunenchor probte – bedauerlich.

14. Oktober 2022, Wolfram Quellmalz

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