»Verrückt!« (Ein geglücktes Experiment)

Heinrich Schütz Musikfest vor dem (vorläufigen) Finale

Das Konzert am Freitagabend in der Dresdner Musikhochschule war gleich mehrfach besonders. Zunächst markierte es – im Rahmen des Heinrich Schütz Musikfestes – den Auftakt des neu ausgerufenen Heinrich-Schütz-Semesters der Hochschule. Man sei sich bewußt, so Rektor KS Axel Köhler in seiner Begrüßung, daß Heinrich Schütz zum Fundament der mitteldeutschen Musiktradition gehöre, deshalb wolle man ihm ein Semester widmen, das der Vermittlung, wissenschaftlichen Aufarbeitung und dem Experiment dienen soll. Experimente, die mit Erfahrungen bereichern – das erste gab es gleich zum Auftakt mit dem ersten Preisträger des Internationalen Heinrich-Schütz-Preises (2018), Hans-Christoph Rademann. Mit seinem Dresdner Kammerchor hat er über dreizehn Jahre eine Gesamtaufnahme der Werke von Heinrich Schütz eingespielt und kehrt auch seitdem immer wieder zu Heinrich Schütz zurück – einem der ersten Komponisten von europäischem Rang.

Der Dresdner Kammerchor am Freitagabend im Konzertsaal der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden, Photo: NMB

»Verrückt!« kommentierte eine Dame erstaunt-überrascht vor mir nach dem dritten Titel aus den Psalmen Davids die stetig neuen Aufstellungen, und hatte damit im wörtlichen Sinn recht. Denn die Solisten, der aufgeteilter Chor und die ebenfalls gruppierten Instrumentalisten wurden stetig in ihrer Position »verrückt«. Statt nur auf der Bühne zu stehen, sangen und spielten sie im ganzen Saal. Hans-Christoph Rademann hatte nicht nur die Chorempore in sein Konzept einbezogen, sondern die hinteren Saalbereiche, rechts, links, oben, unten. Der Versuch lag darin, die Mehrchörigkeit, die Heinrich Schütz an San Marco in Venedig kennengelernt hatte, nachzustellen. Und obwohl die Akustik dort, nicht nur durch den viel längeren Nachhall, eine deutlich andere ist als im Konzertsaal der Musikhochschule, gelang das Experiment nicht nur im Sinne einer wertvollen Erfahrung, sondern einer empfundenen Bereicherung. Es zeigte sich: nicht immer sind die Plätze genau im Zentrum (in diesem Fall Parkett), wo man (von) alle(n) Seiten gleich gut hört, unbedingt die besten. Im ersten Rang links zum Beispiel, und nur dort, konnte man in »Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen« (SWV 31) mit dem ersten Chor direkt hinter den Sitzen und dem zweiten rechts, vergleichsweise entfernt, auf dem zweiten Rang, eine außerordentliche Echowirkung spüren.

Es gab nahezu keine zwei gleichen Aufstellungen in den dreizehn ausgewählten Stücken aus den Psalmen Davids. Immer wieder formierten sich Chor, Solisten und Instrumentalisten neu. Dabei darf man nicht vergessen, daß – wie Hans-Christoph Rademann erinnerte – viele der Sänger im Chor, allesamt Alumni oder aktuell Studenten, mit dem Schütz-Projekt gewachsen sind und eine »fulminante Entwicklung« genommen haben. In der Tat – heute sind einige von ihnen bereits selbst weltweit gefragte Solisten. Und doch kehren sie immer wieder zum Kammerchor zurück. (An diesem Tag dabei: Isabel Schicketanz, Laura Keil und Magdalena Kircheis / Sopran, Jonathan Mayenschein und Jaro Kirchgessner / Alt, Samir Bouadjadja und Tobias Mäthger / Tenor sowie Martin Schicketanz und Felix Schwandtke / Baß).

Kaum weniger bezaubernd war das Instrumentalensemble um Margret Baumgartl (Violine) und Stephan Rath (Laute), das mit Gambenconsort und Bläsern von Zinken und Posaunen für eine großartige Ausgestaltung sorgte. Zu den Höhepunkten (wenn es denn nicht alle solche waren) gehörten »Nun lob, mein Seel, den Herren« (SWV 41), das sich in ein festliches Bekenntnis zum Leben (und Glauben) steigerte und »Ist nicht Ephraim mein treuer Sohn« (SWV 40) – immer wieder faszinierte das Gegenüber, das in eine Steigerung führte oder für Symmetrie sorgte – Kreuzungspunkte gab es in diesem Konzert viele!

Ganz wunderbar gelang »An den Wassern zu Babel« (SWV 37), das schlicht begann, aufblühte und schließlich von der letzten Zeile (als sei es eine Choralstrophe) aufgenommen und umfaßt wurde. Und selbst in vermeintlich bekanntesten Titeln, wie »Singet dem Herrn ein neues Lied« (SWV 35), lag nichts von einer »Wiederholung«. Nicht zuletzt war die Ausgewogenheit der Solisten untereinander wie gegenüber dem Kammerchor für solche Belebung verantwortlich.

15. Oktober 2022, Wolfram Quellmalz

Gleich morgen gibt es den Dresdner Kammerchor wieder zu erleben, dann als Gast beim Zelenka-Festival in der Dresdner Annenkirche (Beginn: 17:00 Uhr). Gemeinsam mit dem Ensemble Inégal und Adam Viktora (Leitung) führt er den ersten Teil von Zelenkas »Psalmi Verspertini« auf.

http://www.dresdner-hofmusik.de

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