Musik und Lesung in der Villa Wollner
Ihre heutige Gestalt erhielt die Villa Wollner durch den Architekten Wilhelm Kreis, der auch das Ensemble des Deutschen Hygiene-Museums entworfen hatte, im Auftrag von Robert Wollner 1908. Aber bereits im 18. Jahrhundert hat hier ein Haus gestanden, der Umbau zur Wohnvilla erfolgte 1875. Ob der Vorgängerbau über einen Musiksalon verfügte, der Robert und Clara Schumann gefallen haben könnte, ist ungewiß. Doch der Gedanke an den Salon drängt sich, hoch oben auf dem Wachwitzer Hügel, auf. Der Blick vom Haus oder Garten ist idyllisch, und das heutige Musikzimmer (oder Kronensaal) nebst anschließenden Räumen, die zusätzliche Hörer aufnehmen können, legt solches zumindest nahe.
Ein paarmal im Jahr öffnet die Villa Wollner ihre Pforten für Salons – literarische Abende oder Konzerte. Am Sonntag gab es eine Matinée, die beides verband: Annette Unger (Violine) und Edgar Wiersocki sorgten für die Musik, Schauspielerin Kathleen Gaube las aus Eva Strittmatters Gedichtsammlung »Heliotrop«.

Matinée über der Elbe: Kathleen Gaube, Annette Unger und Edgar Wiersocki im Kronensaal der Villa Wollner, Photo: NMB
Felix Mendelssohn stand gleich mehrfach auf dem Programm. Neben zeitgenössischen Bearbeitungen der Lieder ohne Worte, die später folgten, ragte die Sonate F-Dur am Beginn heraus. Bemerkenswert ist das »spät« (1838) entstandene Werk nicht zuletzt deshalb, weil Mendelssohn es nicht drucken ließ. Während viele seiner Kompositionen aus Jugendjahren bekannt und geläufig sind, schlummerte die Sonate über einhundert Jahre einen Dornröschenschlaf. Dabei ist sie nicht nur effekt- sondern temperamentvoll, wie Annette Unger und Edgar Wiersocki bewiesen – Mendelssohn mag nicht bei den »leichtfüßigen Elfchen« eingesperrt sein!
Zwei Romantische Stücke (ursprünglich »Drobnosti« / Kleinigkeiten für zwei Violinen und Viola) von Antonín Dvořák fügten sich diesem Temperament an und steigerten noch die Leidenschaft – der vor einiger Zeit restaurierte Blüthner-Flügel zeigte sich dem Ansturm gewachsen, so daß das Duo musikalisch jene warmen, satten Farben hervorbringen konnte, die draußen im Garten vom Sommer kündeten. Dabei flochten Annette Unger und Edgar Wiersocki die böhmische Idiomatik, wie sie bei Dvořák und Bedřich Smetana (»Aus der Heimat«) enthalten ist, maßvoll ein. Die eingehende Melodik braucht rhythmische Ausgewogenheit, die volkstümlichen Eingebungen beider Komponisten waren mit Feinheit darin eingeschlossen.
Üppig und prächtig blühend zeigt sich der Heliotrop in der Pflanzenwelt, der Name wird gleichermaßen für Minerale (Jaspis) verwendet. Eva Strittmatter hat Beobachtungen, Deutungen, menschliche und zwischenmenschliche Züge unter dem Namen festgehalten. Kathleen Gaube las daraus über »Kolportagen«, »Strahlung«, »Verlust« und »Gewohnheiten«. Ob Lesung oder »Zwiegespräch« – vieles kam einem bekannt vor, aber auch die Annäherung an die Dichterin war eine willkommene und in diesem Salon passende Begegnung.
Ob sich Robert und Clara Schumann hier gern getroffen hätten? Vielleicht. Robert Schumanns Drei Romanzen Opus 94 in der Fassung für Violine und Klavier schweben kaum schöner über dem Elbtal als von hier.
Das nächste Konzert in der Villa Wollner soll ein Klavierabend im Oktober sein. Außerdem werden Literarische Damen-Salons und anderes veranstaltet. Anmeldung für den Newsletter über: kontakt@villa-wollner.de.
3. Juli 2023, Wolfram Quellmalz