Komponistin zu Besuch an der Musikhochschule
Mit dem vierten Besuch bzw. Gast beendete die Musikhochschule am Donnerstag die Reihe der Komponistenportraits in diesem Studienjahr. Lisa Streich kann in ihrer Vita nicht nur auf eine Zusammenarbeit mit so namhaften Mitspielern der Neuen Musik wie dem Ensemble intercontemporain oder dem ensemble recherche verweisen, sondern auch auf große Sinfonieorchester wie die Berliner Philharmoniker oder die Kölner Philharmonie.
Ein Schwerpunkt der schwedischen Komponistin liegt gerade im Bereich der Mikrotonalität, der Intervalle oder Intervallverschiebungen, also besonders der Feinheiten. Diese lassen sich auch und gerade mit kleineren Ensembles darstellen, wie sich am Donnerstag eindrucksvoll zeigen sollte. Moderator Jörn Peter Hiekel freute sich daher zu Recht, daß die Veranstaltung im Konzertsaal der HfM stattfand, der die Herausarbeitung solcher Feinheiten ganz besonders unterstützt.

So gab es Momente der Schwebung und Wandlung zu erleben. Weniger ein Verlauf oder ein Motiv war bestimmend, sondern die Partikel, aus denen sich Musik zusammensetzt. Und damit schafft Lisa Streich vor allem eines – einen Klang. Das war teils verblüffend zu erleben, vor allem am Ende des Abends, weil sich mit minimalen Mitteln, wenigen Beteiligten, ohne große Dynamik oder forcierte, expressive Darstellung großes vollzog. In der Regel war dies weniger ein Musikstück im herkömmlichen Sinn, sondern ein alles umgebender Klangraum oder eine Keimzelle, von der Klang ausging.
An diesen Feinheiten hatte Lisa Streich zuvor mit den Studenten gearbeitet, denn das Portraitkonzert war der Abschluß ihres Besuches an der HfM, der vor allem einem Workshop und Meisterkurs galt. Im Konzert erklangen zumachst die »Mignon Songs« mit zwei Spielerinnen: Jessie Chen und Daria Kleshchenko waren beide durch Klavierspiel und Gesang daran beteiligt, was anfangs wegen der vom Publikum abgewandten Position in bezug auf die Verständlichkeit der Texte schwierig war. Schon hier wurde aber deutlich, daß die Musik eigentlich multiakkordischen Texturen entspricht, die sich verdichten, verändern, zerfallen. Das Klavier, teils über die Tastatur, teils direkt auf den Saiten gespielt (wie eine Gitarre) ließ so eine traumhafte Szenerie entstehen, die Melodien wie von fern enthielt.
»Kind« für Gitarre solo (Amilcar Baeza Reyes) erkundete mit einem präparierte Instrument (die Gitarre war um ein Element erweitert, mit dem jedes Kind spielt: ein Eischneider) die Mikrotonalität. Nicht zentrierte Töne, sondern ein Abgleiten, versteckt oder in Glissandi, gehörten zu den typischen Elementen in Lisa Streichs Musik. Weniger konkrete Strukturen und Motive sind dafür wichtig, sondern die Verfeinerungen von Harmonien. Um dies herauszuarbeiten, braucht Lisa Streich einen hörsamen Raum und begibt sich oft in Bereich leisester Darstellungen bis an den Rand der Hörbarkeit. »Kind« entfaltete derart zurückgenommen eine große Intensität und den Zauber einer Spieldose und überrascht mittendrin mit einem Yesterday-Akkord als An-Spiel.
»APELSIN« für 2 Trompeten, Posaune und Schlagzeug (Leitung: Tomas Westbrooke) war dazu ein greller Gegensatz, der aber ebenso aus harmonischen Bezügen zu wachsen schien, hier jedoch verstärkt Kontraste hervorhob. Neben den klassischen Bläsern und Trommeln trugen pfeifende Windpeitschen zum Kolorit bei. Das komplexeste Stück war bereits der Abschluß des Abends: »Francesca« für Ensemble (Leitung: Wojciech Nowik) begann mit einem Effekt durch Pianissimo im Piccolo und in Pizzicati, als käme es aus dem nichts. Hier wurde die Komplexität, mit der Lisa Streich Akkorde formt, vielleicht am deutlichsten. Mit als Schlagwerk eingesetzten Peitschen, Klavier, Holzbläsern und Streichern gab es immer wieder wechselnde Eindrücke in jeder dynamischen Hinsicht, also das Ausdrucksspektrum in Lautstärke und Tempo umfassend, bis hin zum leisen, märchenhaft-orientalischen »Geplauder« eines Dulcimers (ähnlich einer Zither oder eines Hackbretts) und dem flüchtigen Berühren der Saiten eines Klaviers durch Bänder, die von Motoren angetrieben wurden – viele Instrumente sehe Lisa Streich als Tiere, hatte die Komponistin verraten, das Klavier mit seinem Flügeldeckel zum Beispiel als Schmetterling. Er war Teil eines experimentellen, höchst interessanten Klangraums.
4. Juli 2025, Wolfram Quellmalz