»Legenden« ist keine Übertreibung

Jerusalem Quartet und Elisabeth Leonskaja trafen sich im Gewandhaus zu Leipzig

Geht man allein nach den Namen, trafen am frühen Sonntagabend im Mendelssohnsaal des Leipziger Gewandhauses gleich mehrfache Klassiker aufeinander, auf Seiten der Interpreten ebenso wie auf denen der Werke: Das Jerusalem Quartet gehört seit über dreißig Jahren zu den Spitzenensembles unter den Streichquartetten, Elisabeth Leonskaja steht seit Jahrzehnten für eine Magie auf dem Piano. Die Werke markierten nicht weniger Gipfelpunkte der Gattung, selbst wenn sie bei den jeweiligen Komponisten viele Geschwister hatten – Joseph Haydns »Sonnenaufgangsquartett« ragt ebenso wie Leoš Janáčeks »Kreutzer-Sonate« (gleichwohl ein Streichquartett) aus dem Œuvre heraus.

Nach über dreißig Jahren des Bestehens ist ein Streichquartett entweder älter geworden oder hat sich durch Neubesetzungen verjüngt. Das letztere birgt neben dem Vorteil der Zukunftsöffnung das Risiko einer Änderung, sei es in einem Nachlassen der Qualität oder in einer Änderung der Ausrichtung, des Profils. Gerade da haben sich bei manchen renommierten Ensembles (nicht nur Streichquartetten) vollkommene Neuausrichtungen ergeben, die den Verdacht aufkommen ließen, da habe jemand einen bewährten, kostbaren Namen für seine Zwecke genutzt (mißbraucht).

anonymer Künstler »Joseph Haydn dirigiert ein Streichquartett« (Ölfarbe auf Leinwand, 90 x 106 cm, frühes 20. Jahrhundert), Kunsthistorisches MuseumWien, Bildquelle: Wikimedia commons

Das trifft auf das Jerusalem Quartet glücklicherweise nicht zu, obwohl es sich derzeit in einer Umstellung befindet. Ori Kam (Viola) hat das Ensemble im vergangenen Jahr verlassen und wird derzeit von gleich zwei Kollegen ersetzt – für die Europa-Tournee und die Konzerte in Israel übernimmt Alexander Gordon den verwaisten Platz neben Alexander Pavlovsky und Sergei Bresler (Violinen) sowie Kyril Zlotnikov (Violoncello).

Ob es sich nun um eine zukunftsweisende oder Interims-Lösung handelt – das Jerusalem Quartet konnte vom ersten Bogenstrich an jene Qualitäten vorweisen, die man von einem alteingestandenen Streichquartett erwartet, erhofft und erfleht. Da braucht es kein Lächeln ins Publikum, keine energisch hochgerissenen Bögen oder extra betonten Akkorde – der feine Strich war stets die Basis, auf den Alexander Pavlovsky, Sergei Bresler, Alexander Gordon und Kyril Zlotnikov aufbauten. Auch Haydns »Sonnenaufgang« muß nicht unnötig stark ausgeleuchtet werden, er dämmerte ganz von allein, von innen heraus. Lebhaft wurde es natürlich, weil Haydn so erfrischende Melodien geschrieben hat, die sich führend und kantabel hervortaten (erste Violine) oder spiegelten (Viola). Eine feine Phrasierung war dabei wichtiger als mancher Kontrast. So band das Jerusalem Quartet einerseits ein dichtes Gewebe, zeigte andererseits aber nicht nur im langsamen Satz, daß Haydn ein Bereiter der Romantik war.

Diese war bei Leoš Janáčeks erstem Streichquartett bereits weit vorangeschritten, zudem erweist sich der Komponist, der sich von Leo Tolstois »Kreutzer-Sonate« inspirieren ließ, als veritabler Geschichtenerzähler (eine Qualität, die er auch in seinen Opern bewies). War bei Haydn noch die Spannung einer gediegenen Quartettgesellschaft zu spüren, brachen sich bei Janáček dramatische Dialoge Bahn, die alle vier Streicher mit- und gegeneinander argumentieren ließ. Schien dem ersten Satz noch das Ausklingen des Schlußtons in der Komposition verweigert, hatte Leoš Janáček dem mit den Gegensätzen zwischen Harmonie und Verve, von erregten Streichern und wechselndem Flageolett gekennzeichnet, eine Überhöhung angefügt. Verblüffend war, wie sorgsam das Jerusalem Quartet diese Aufregung entstehen ließ – und wie wirkungsvoll der vierte Satz zunächst in einen Ruhepunkt fiel. Interimsbratsche? Das konnte man angesichts dieser Übereinstimmung im Impuls kaum glauben!

Und auch in der Artikulation des Bogens war das Quartett sagenhaft – so wie die Pianistin, die jetzt mit dem Jerusalem Quartet das Podium betrat. Man mochte kaum glauben, daß Elisabeth Leonskaja Ende letzten Jahres einen runden Geburtstag gefeiert hat – von Nachlassen oder Altersmüdigkeit war da nichts zu spüren, vielmehr Verfeinerung in der Gestaltung, eine überragende Ausdruckkraft und bestechender Ausdruck. Bessere »Treffpunkte« hätte es mit dem Quartett für das Quintett für Klavier, zwei Violinen, Viola und Violoncello A-Dur (Opus 81) von Antonín Dvořák kaum geben können!

Was zuvor bei Janáček schon angeklungen war, wurde nun zum wesentlichen Bestandteil der Vitalität: eine beständige Verschiebung der Schwerpunkte zwischen den Stimmen, aber kein Ungleichgewicht! Einziges Manko: Johannes Brahms‘ Klavierquintett h-Moll (Opus 115), dessen Adagio Elisabeth Leonskaja und das Jerusalem Quartet als Zugabe spielten, hätten sie doch im ganzen spielen sollen!

16. Februar 2026, Wolfram Quiellmalz

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