Pianistin Ragna Schirmer zu Gast in der Villa Teresa
Vor einigen Jahren hatte Ragna Schirmer die Restaurierung des historischen Steinway-Flügels aus dem Besitz von Eugène d’Albert beratend begleitet. Am Sonntag spielte die Pianistin wieder an jenem Ort, an dem der Komponist mit seiner Frau, der Pianistin Teresa Carreño, gelebt hat. Für den Salon der Villa Teresa in Coswig ist der Konzertflügel eigentlich zu groß, doch wer gestalten und seine dynamische Bandbreite nutzen kann, entfacht darauf noch in Fantasien ein beeindruckendes Drama. Ludwig van Beethoven hätte es wohl ebenso gefreut wie Franz Liszt – beide waren stets auf der Suche nach neuen Instrumenten und mit denen ihrer Zeit nicht zufrieden. Vor allem Beethoven empfand seine Hammerklaviere als unzureichend. Ragna Schirmer ließ ihm quasi Gerechtigkeit widerfahren.
Auch diesmal hatte die Bachpreisträgerin ein spezielles Programm mitgebracht. Es rankte sich um die blinde Pianistin, Komponistin und Pädagogin Maria Theresia Paradis. Sie mußte ihre eigenen Noten noch mit einer Art riesigem Setzkasten notieren – ein mühseliges und aufwendiges Unterfangen. Wie sie aber mit ihrem Handicap umging, regte andere an, wie den Lehrer Valentin Haüy. Haüy gab seine Kenntnisse an Louis Braille weiter, der daraus die bis heute gültige Blindenschrift entwickelte.

Die Blindheit hinderte Maria Theresia Paradis wesentlich an eigenen Aufzeichnungen wie Tagebüchern, aber auch an Druckausgaben – für Komponisten stets eine arbeitsintensive Aufgabe. So sind uns viele Fakten und Werke durch die Hand anderer überliefert. Ein stilles, zurückgezogenes Leben führte die Pianistin indes nicht. Im Gegenteil unternahm sie Konzerttourneen und bildete an einer eigenen Schule blinde Mädchen aus.
Ragna Schirmer begann ihren Klavierabend, dem wegen der großen Nachfrage ein eingeschobenes Extrakonzert vorausging, mit der Fantasie C-Dur von Maria Theresia Paradis. Wer »Fantasie« mit leicht und beflügelnd gleichsetzt, konnte hier mehrere Überraschungen erleben. Denn wiewohl solche Elemente darin vorhanden waren, erwies sich die Fantasie als frei und entwickelte sich geradezu dramatisch. Mehrfach gewandelt schienen erst Wellen gegen Felsen zu gischten, bevor die Fantasie das Gebirge erklomm und auf dem Plateau entspannte. Ragna Schirmer blieb nicht folgsam auf grazilen Pfaden, sondern steigerte sich mit enormer Gestaltungskraft bis in sinfonische Gefilde – vielleicht hörte man hier die Nähe zu Orgelwerken, mit denen sich Maria Theresia Paradis auseinandergesetzt hatte?
Abbé Georg Joseph Vogler war beeindruckt von der blinden Pianistin und widmete ihr ein zweistrophiges Lied, das wie ein Satz aus Leopold Koželuhs Sonate Opus 38 in der zweiten Konzerthälfte für die Künstlerfreundschaften Maria Theresia Paradis‘ stand. Die beiden Komponisten, die in unserem musikalischen Gedächtnis nach hinten gerückt sind, trugen somit zum zeitgenössischen Kolorit bei.
Wie auch Ludwig van Beethoven – Maria Theresia Paradis animierte ihre Schülerinnen zu freiem Spiel und ließ sie in den »Zusammenkünften der Menschlichkeit« genannten Konzerten an ihrer Schule einzelne Sätze auswählen. Dafür stand das Allegro con brio aus Beethovens Waldstein-Sonate (Opus 53) Pate. Es hob – wie die meisten Stücke an diesem Abend – die Musik aus der Dunkelheit ins Licht. Im Falle Beethovens riß es sogar, statt nur zu heben – ein aus der Ruhe geborener Sturm (oder Lebensdrang) wurde hier ebenso sinnbildlich.
Daß Wolfgang Amadé Mozart und Maria Theresia Paradis sich getroffen haben, ist eigentlich anzunehmen, jedoch nicht verbürgt. Auf jeden Fall kannten sie gegenseitig ihre Werke. Mozarts Fantasie c-Moll (KV 475) begann mit einem Beethoven’schen Impetus und führte nicht nur aus der Dunkelheit ins Helle, Ragna Schirmer offenbarte darin geradezu einen Befreiungsschlag – tiefempfundene Dramatik gepaart mit feiner Artikulation.
Dieselbe war auch in zwei Liedtranskriptionen Franz Liszts wichtig: Ob sich Franz Schubert und Maria Theresia Paradis je begegneten, ist nicht bekannt. Möglich wäre es, denn sie bevorzugten beide ein bestimmtes Wiener Lokal. In »Gretchen am Spinnrade« und »Der Erlkönig« bewies Ragna Schirmer, wieviel Drama in einem Lied stattfinden kann. Vor allem bewahrte sie Melodie und Begleitung ihre jeweilige Eigenständigkeit – führte man beides harmonisch zusammen, ginge dem Werk die Spannung verloren. So stand dem Zuhörer beim »Erlkönig« jedes Wort, wie das gefährlich-süße »Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt«, vor Augen.
Der Bezug der Zugaben zu Maria Theresia Paradis lag nicht in einer direkten Begegnung mit den Komponisten, sondern in der spielenden Pianistin. Sie ließ erst eine Étude Chopins durch den Salon toben (mit solch schnellem Pferd hätte der Vater sein Kind retten können!) und beruhigte die Stimmung mit Bachs Aria aus den Goldbergvariationen.
16. März 2026, Wolfram Quellmalz
