Komponieren, kompostieren, kompositivieren …

Neues Klaviertrio Dresden mit neuen Werken der Materialverwertung

Den Zusammenhang oder -klang von »Komponieren« und »Kompostieren« hat mancher schon sarkastisch auf die Neue Musik angewandt, zumindest, wenn er sagen wollte, wo ein dürftiges Substrat wohl seinen Ursprung habe oder wohin ein minderes Resultat gehöre. Manche Projekte (»Vivaldi recomposed«) rufen geradezu nach einer solchen Verurteilung. Doch man kann den Vergleich auch positiv und direkt wahrnehmen, schließlich wird auf dem Kompost im Garten ja tatsächlich altes verwertet, damit neues entstehen kann. Insofern griff das Konzert »Tripel« des Neuen Klaviertrios Dresden in der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden am Dienstag das Wort im Sinne einer kulturellen Verwertung auf.

Gleich sechs Werke präsentierten Uta-Maria Lempert (Violine), Miguel Blanco Puente (Violoncello) und Clemens Hund-Göschel (Klavier), die alle für das Trio entstanden sind, vier davon als Uraufführungen. Die anderen beiden Stücke konnte man kaum als »alt« bezeichnen, denn auch sie waren nach 2003 für das Neuen Klaviertrio Dresden entstanden. Das Ensemble, das sich in seinen Anfängen noch elole-Klaviertrio nannte, kann mittlerweile auf 25 Jahre des Bestehens zurückblicken – eigentlich ein Grund zum Feiern.

Das Neue Klaviertrio Dresden und die sechs Komponisten des Abends, Photo: NMB

Zwar war kein offizielles Festkonzert angesagt, doch Publikumszuspruch und Stimmung waren dem Anlaß angemessen. Nicht zuletzt liegt der Extrakt der Arbeit des Neuen Klaviertrios Dresden ja gerade darin, daß es nicht beliebig neue Werke in den Konzertsaal »wirft«, sondern diese Neue Musik in Wiederaufführungen pflegt – ein Standard und wichtiger Schritt auf dem Weg der Suche und des Sortierens neuer Kompositionen.

Das 2003 entstandene »Creeping out of circles« von Christian FP Kram stand am Anfang der Suche, hier im Sinne eines Herausschleichens aus dem Kreis. Das wiederverwertete Material bestand bei Christian FP Kram aus einem minimalen Substrat dreier Töne, die aufwärts (vom Cello zum Klavier) und abwärts (zurück) liefen, wie ein Molekül zu einer Tonfolge wuchsen und variiert wurden, wobei die Moleküle der drei Instrumente bis in die Tempi individuell blieben. So standen sich Momente der Brechung oder des Anprallens (Akkorde) und Flächen (gezogene Töne) in einer permanenten Veränderlichkeit gegenüber.

Lydia Weissgerber sorgte mit »winzige Schlucht vor jedem Ton« für die erste Uraufführung. Ihr »Substrat« lag zunächst in fragmentartige Strukturen, für das Wachstum bzw. Überleitungen sorgten Pendelfiguren. Offenbar wuchs da ein Orchideenstück aus dem musikalischen Kompost, denn neben gesprochenen bzw. gesungenen Textpassagen wurde die Individualität der Instrumente bis in eine kadenzartige Passage des Cellos größer – zum näheren Verständnis wird es künftig sicher eine Wiederaufführung geben.

Friedemann Stolte setzte mit »kompostiv – zukunftsmusik III« und der zweiten Uraufführung vor der Pause das Thema bzw. Wortspiel in Szene, denn für sein Stück rückten nicht nur die Sitzpositionen der drei Spieler auseinander, drei Freiwille aus dem Publikum durften Komposteimer auf ein Einsatzzeichen hin »ausklopfen«, womit das Werk begann. Die im Spiel nachfolgenden Musiker schienen diesen Klang teils zu halten oder in Summen umzuformen, verfolgte individuelle (Garten)pfade.

Alfred Holzhausens »Klaviertrio« (2023) nahm einen ganz anderen »Faden« auf, harmonisch steigend zunächst mit Wiederholungen, um einen Basiston oder -klang zu erreichen, der um Pizzicati erweitert wird (wie eine Blume, deren Knospe aufsprießt). Das verzögert hinzutretende Klavier sorgt in der Begleitung zunächst für Stabilität, bevor sich die Instrumente spiegeln, in Ebenen vereinzeln – an diesem Abend vielleicht der Moment der größten Spannung.

Bei Knut Müller ist der Fall besonders interessant, denn man kann bei ihm Bilder und Musik vergleichen – der Komponist ist ebenso (oder vor allem) Bildender Künstler. »Auf keiner Stätte zu ruhn« als weitere Uraufführung sorgte mit Reibetönen der Streicher und geschlagenen Akkorden des Klaviers für Kontraste, folgte einer organischen Veränderung der Sequenzen und setzte der zuvor erlebten Spannung eine große Energie entgegen.

Auch wenn sein Stück »Re:inszenierung« heißt, war das Werk von Carsten Hennig keine Wieder-, sondern die letzte Uraufführung des Abends. Die Arbeit mit kleinen Teilen, organisch oder elementar, sowie die Repetitionen waren der Musik in diesem Konzert mehrfach zu eigen. Momente der Bewegung (ziehen, gleiten) und der mit den Wiederholungen einhergehenden Veränderungen waren bei Re:inszenierung deutlich ausgeprägt. Meist abwärts führten diese Läufe und überraschten mit der Plötzlichkeit des Schlusses.

20. Mai 2026, Wolfram Quellmalz

»Tripel« erklang am Mittwoch in Chemnitz und Donnerstag in Leipzig. Mehr zum Neuen Klaviertrio Dresden:

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