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Nuria Rial in der Dresdner Frauenkirche

Nach dem Auftakt blühten die Dresdner Musikfestspiele (DMF) weiter in ihrer Vielfalt auf. Auf die Show zwölfer Cellisten und eines exzentrischen Jazzpianistren am Wochenende folgte am Montag in der Frauenkirche sozusagen ein konuzertierendes Gegenprogramm. Die Ausnahmesopranistin Nuria Rial war für einen Abend mit Barockmusik angereist. Les cornets noirs begleitete sie in beinahe minimaler Besetzung, hätten da nicht neben dem Basso continuo aus Orgel (Johannes Strobl), Violoncello (Kasper Singer) und Laute (Magnus Andersson) noch zwei Zinke (Gebhard David und Frithjof Smith) ihre Stimmen, durchaus in Konkurrenz zur Sängerin, erhoben.

Überhaupt war fast alles, auch instrumentale Titel, gesungen an diesem Abend. Schwebend erhoben sich die zartesten Klänge ins stille Kirchenschiff, nicht nur jene der Sopranistin, die sich diesem Feinklang hingab, ohne effektvoll zu forcieren. Das kantable Schweben blieb in den gesanglichen Titeln der Bläser und des Violoncellos erhalten. Die Sinfonia per camera in c-Moll von Antonio Maria Bononcini, Bruder des berühmten Giovanni Bononcini, durfte minimalistisch mit Violoncello und Orgel erklinge und erinnerte an Sonaten von Bononcinis Londoner Konkurrent Händel. Selbst der Laute war ein gefühlvolles Rezitativ vorbehalten. Magnus Andersson ließ Angelo Michele Bartolottis Preludio en Sol Majeur feingliedrig durch die Frauenkirche perlen.

Nuria Rial, Photo: © Merce Rial

Es war nicht das einzige PräludiumLes cornets noirs und Nuria Rial bauten manche Überleitung, und auch bei den alten Kirchentonarten gab es Fortsetzungen, wie in der herrlichen Toccata dell’ottavo tuono (Toccata über den achten Ton, sogenannter hypomixolydischer Modus) von Paolo Quagliati, die Johannes Strobl frei wie eine Improvisation glitzern ließ. Auch dies Glitzern sollte eine Fortsetzung finden.

In der Hauptsache stand aber die wunderbar sanfte Stimme von Nuria Rial im Mittelpunkt, die in Werken von Giovanni Pierluigi da Palästina, Claudio Monteverdi und vor allem immer wieder Alessandro Grandi ein Lob auf die Liebe oder Maria sang – weltliche wie sakrale Gefühle kamen gleichermaßen zum Tragen, denn die zarte Sinnlichkeit des Soprans fügte sich in beiden Gefilden ein.

Sie konnte aber auch mit und »gegen« die Zinke klingen, denn manche der Motetten, Madrigale oder Arien waren mit Bläser besetz, die sich entweder mit den gesungenen Texten verbanden, wie in Alessandro Grandis »Vulnerasti cor meum« (Du hast mein Herz verwundet) oder abwechselnd einsetzten (Grandi: »O quam tu pulchra es« / Oh, wie schön Du bist). Das gesungene »o« stand sinnbildlich als Ausruf der vielfältigen Überraschung, ob Freude oder Trauer, am Beginn vieler Textzeilen. Dennoch wurde es übertroffen vom vielfachen »Laudate« Claudio Monteverdis.

Die Feinheit der Betonung oder eher Ausmalung erhielt sich Nuria Rial. So zeigte sie sich in den die Dramaturgie steigernden Melismen niemals überspannt. Ihre Begleiter folgten gleichermaßen diesem Stil, so fanden auch die beiden Zinke kleine Hervorhebungen und Abstufungen. Immer wieder gab es Echoeffekte, die als Wiederhall, ob nun natürlich (Felshöhle), göttlich oder der Seele nachrufend, offenbar ein beliebtes Stilmittel der Zeit (16. / 17. Jahrhundert) waren.

Gebhard David und Frithjof Smith führten dies süperb rein instrumental vor, mit einem Zink im Altarraum, dem dicht, aber spürbar und mit einem Hauch Mysteriösität, der zweite im Treppenhaus nachsang (Maurizio Cazzati »Capriccio detto il Mareschotti à 2 in echo«).

Dabei blieb es nicht auf zwei oder drei Stimmen beschränkt, denn bereits Benedetto Re hatte mit einem Canzon (Gesang) à 4 die Instrumente gemischt. Neben der kantablen Ausbildung der Stimmen waren bei aller Feinheit und Zurückgenommenheit immer wieder rhythmische Strukturen entscheidend, wie die Ciaconna, die im Basso continuo manche Lieder stütze.

Für die Zugabe wählten Nuria Rial und Les cornets noirs noch einmal etwas Besonderes: Giovanni Antonio Rigattis Laudate pueri. Ob es manchen bekannt vorkam? Rigatti wurde besonders in Norddeutschland rezipiert, und das Ensemble meint, daß auch Dieterich Buxtehude dieses Laudate verarbeitet hat.

19. Mai 2026, Wolfram Quellmalz

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