Bachs großer Klavierzyklus

Goldberg-Variationen mit Gereon Krahforst auf der Silbermann-Orgel

Es ist gerade ein halbes Jahr her, daß wir Gereon Krahforst an der Jehmlich-Orgel der Dresdner Kreuzkirche erlebt haben. Mit unbekannten Werken von Willy Poschadel, Hermann Schroeder und Ludwig Boslet sowie interessanten, unaufdringlichen Zugängen zur (katholischen) Liturgie sorgte er für eines der schönsten Orgelkonzerte 2025 [unser Bericht: https://neuemusikalischeblaetter.com/2025/11/06/rheinischer-frohsinn-und-musik-auf-dem-sprung/]. Gestern war Gereon Krahforst wieder in Dresden zu erleben, aber mit einem ganz anderen Programm: Er spielte Johann Sebastian Bachs Goldberg-Variationen (BWV 988) an der Silbermann-Orgel der Hofkirche (Kathedrale).

An sich sind die Variationen für ein Tasteninstrument geschrieben, aber deshalb noch kein keine Orgelliteratur. Zu Bachs Zeiten reichte die Bandbreite des Angebots an »Tasteninstrumenten« vom Clavichord mit seinem intimen Klang – angemessen für ein Spiel zum eigenen Vergnügen, ohne Publikum – über die etwas größeren Spinette oder Virginale (Kammermusik) bis zu für Konzerte geeigneten Cembali. Letztere, oft mit zwei Manualen, Registern incl. mancher Effekte, kamen der Orgel durchaus schon nahe. Insofern ist die Übertragung auf nicht besaitete Tasteninstrumente eigentlich nicht ungewöhnlich.

Titelblatt des Erstdrucks der Goldberg-Variationen, Bildquelle: Wikimedia commons

Ein Cembalo konnte man im Konzert des Dresdner Orgelzyklus‘ hier und da durchaus heraushören. Eigentlich überraschend bei einem Organisten (Gereon Krahforst ist Abteiorganist in Maria Laach, wo er über eine Haupt- und eine Schwalbennestorgel verfügt) – spielte ein Cembalist die Orgel, erwartet man eine solche Klangbildübertragungen vielleicht eher, wie beispielsweise bei Ton Koopman. Um so erfrischender, daß Gereon Krahforst schon die Aria bis in die Triller auf der Silbermann-Orgel »cemablieren« ließ. Mit der ersten Variation rückten die hellen Glöckchen-Register der Silbermann-Orgel die Verhältnisse aber zurecht, zudem wurde der tragende Rhythmus deutlich, der als belebendes Element und bindendes Glied erhalten blieb. Im Wechsel zeigten sich danach die Variationen im weichen Schimmer und den typisch kräftigen Farben Silbermanns.

Eigentlich sind Aufführungen der Goldberg-Variationen nie gleich, selbst wenn derselbe Spieler am selben Instrument seine Interpretation wiederholt. Neben feinen Unterschieden im allgemeinen, vielleicht der Individualität und Tagesform geschuldet, ergeben sich jedesmal Ketten, oft Trios von Variationen, die besonders eng verbunden bleiben oder eine Steigerung erfahren. Bei Gereon Krahforst lag so ein Zentrum in den Variationen sechs bis acht (Canone alla Seconda a 1 Claviatur, à 1. ô vero 2 Claviatur / al tempo di Giga, a 2 Claviatur).

Dabei hat sich der Organist (natürlich) besonders auf das Dresdner Konzert vorbereitet bzw. die von ihm selbst erstellte Fassung der Goldberg-Variationen eingerichtet. Wegen der Gesamtlänge (und Intensität) fielen die Wiederholungen (vor allem die zweiten) weg (in Maria Laach hatte Gereon Krahforst hier in der ersten Wiederholung teilweise mit dem Einsatz der von hinten tönenden Schwalbennestorgel einen besonderen Effekt erzielt), die Silbermann-Register sollten natürlich hervortreten. Vieles blieb aber in der grundsätzlichen Anlage, wie der Einsatz der Trompetenregister für Fanfarenmotive oder das verwendete Plenum für die mittige Ouverture, die den zweiten Teil einleitet.

Zwar gibt es in der Hofkirche keine Schwalbennestorgel, aber ohne Effekt blieb das Konzert natürlich nicht. Fallende Motive sorgten zum Beispiel für einen »Himmelseffekt« (wie in »Vom Himmel hoch«), etwa in den Variationen sechs oder 23. Das Funkeln der achten erinnerte wiederum an Sterne oder Wasserfontainen, während die singende 24. Variation (Canone all Ottava a 1 Claviatur) an diesem Abend wohl am schönsten gelang. Nicht pianistische Zirzensik war hier entscheidend, sondern gestalterischer Sinn und ein vom Gesang abgeleitetes Maß!

21. Mai 2026, Wolfram Quellmalz

Das nächste Konzert des Dresdner Orgelzyklus‘ in der Hofkirche bestreitet Domorganist Sebastian Freitag am 24. Juni selbst.

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