Gesprächskonzert im Rahmen der Udo-Zimmermann-Gastdozentur
Die Udo-Zimmermann-Gastdozentur der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden (HfM) bietet nicht nur verschiedene Begegnungsmöglichkeiten mit schaffenden Komponisten, sondern vor allem einen anregenden Austausch und hat in der Vergangenheit geholfen, Aufführung zu realisieren. Die Wiederaufführung der Kammeroper »Die weiße Rose« (Fassung von 1967) stand in diesem Zeichen, die von Saskia Zimmermann gestiftete Dozentur lenkt die Aufmerksamkeit aber dezidiert auf die Fachrichtung Neue Musik an der HfM und dort vor allem auf Gegenwartsmusik. Nach Chaya Czernowin, Adriana Hölszky, Mathias Spahlinger und Georges Aperghis hat in diesem Studienjahr die britische, in Berlin lebende Komponistin Rebecca Saunders die Stelle inne.

Dabei trägt Rebecca Saunders den Klang, den Sound, scheinbar bereits im Namen. Ob es daran lag, daß man am Freitag im Konzertsaal besonders den Klang wahrnehmen konnte? Während andere Komponisten Fragmente, Intarsien oder Impulse verarbeiten, setzen sich die Klänge bei Rebecca Saunders meist aus vielen Schichten zusammen, mit Stimmen, die fast unabhängig sind, ihren Zusammenhalt weder preisgeben noch der Individualität unterordnen. Den meisten der gespielten Stücke wohnte eine besondere Emotionalität inne – so unterschiedlich die Besetzungen waren, strebten viele der Werke geradezu einem Höhepunkt der Expression zu, von dem Rebecca Saunders aber auch in eine Phase der Beruhigung oder Kontemplation überleitete. Die Wahrnehmungsmöglichkeiten zwischen analytischem Hören und sinnlichen erfahren blieben offen.

Obwohl Saunders‘ Musik nicht grundsätzlich fragmentartig ist, traten doch immer wieder Intarsien hervor, in gesungenen wie instrumentalen Textzeilen, wurden aufgegriffen, eingeschlossen, sublimiert und umgeformt, von anderen Klängen, abrutschenden Glissandi. »Molly’s song 3 – shades of crimson«, auf einen James-Joyce-Text zurückgehend, war das erste Beispiel solcher Soundorientierung. Leonid Liustrov (Altflöte), Amilcar Baeza Reyes (Gitarre) und Emilia Steinhäuser (Viola) setzten einen Anfangsimpuls, der mit Überblastönen (also vor allem Luft) und Liedfetzen fragil blieb, bevor sich Akkorde und Intervalle durchsetzten. Die sonst intime Formation eines Trios schien diesmal mit dem weit aufgespannten Klangspektrum ungemein groß.

Unbeschreiblich, atemlos könnte man den Inhalt von »unbreathed« (wörtlich: »ungeatmet«) nennen. Mit Tomas Westbrooke und Gequ Cui (Violinen), Simon Pühn (Viola) und Yo-Yo Lin (Violoncello) war zunächst eine sublime Form der Entfaltung, oft an der Wahrnehmungsgrenze, spürbar. Doch wie sich einzelne Partikel in einem leeren Raum irgendwann verdichten, traten auch hier dynamische Spitzen nicht mit zufälliger Plötzlichkeit, sondern aus dem Zusammenhang fließend auf. Bemerkenswert war die Wechselwirkung solcher Stöße und Schübe mit der wieder einhergehenden Ruhe.

Von Moderator Jörn Peter Hiekel (Leiter Studio Neue Musik) auf die Individualität bzw. die Bedeutung der Stimmen in ihren Stücken angesprochen, meinte Rebecca Saunders, eigentlich sei jeder Spieler darin ein Protagonist. Das deutet an, daß die »Spieler« hier mehr Verantwortung tragen als gewöhnlich.

Davon war »O yes & I« mit Marlene Unterfenger (Sopran) und Lucija Mikuž (Baßflöte) mit einer Polyphonie der Gleichzeitigkeit ebenso gekennzeichnet wie das darauffolgende »Duo« (Tomas Westbrooke und Michiko Saiki / Klavier). Während »O yes & I« aus dem Text (noch einmal Joyce »Ulysses«) einzelne Worte löste, das »yes« quasi parodierte, in einen reinen Klang überführte, zittern ließ, bis plötzlich, als einzige konkrete Spur »I close my eyes« aufschien, spielte »Duo« noch stärker mit Klängen, wie Akkorden, die nicht als Akkorde, sondern als Tropfen auftraten.

Die wachsende Emotionalität und die Überführung in eine Kontemplation wurde am stärksten bei »Scar« (Narbe) für Kammerensemble spürbar (Leitung: Nicolas Kuhn). Mit seinem knappen Anstieg und dem aus vielen Bestandteilen zusammengesetzten Orchesterklang hatte seine Rampe zu Beginn den größten Effekt, mit den darunterliegenden Wellenformationen zudem die mitreißendste Wirkung. Wieder trat der Klang, der Sound in den Vordergrund, wieder setzte er sich mit Ereignissen in einem weiten Raum zusammen.
23. Mai 2026, Wolfram Quellmalz
»Scar« ist zum Jubiläum der Sächsischen Akademie der Künste in der Veranstaltung »Wie wenig ist genug? Zur Zukunft der Künste« noch einmal zu hören (3. Juli, 19:00 Uhr, Festspielhaus Hellerau)