Verführungen und Verlockungen

Internationale Händelfestspiele Göttingen stellen Strawinsky und Weckmann gegenüber

Zwölf Tage im Mai sind in Göttingen jeweils für die Internationale Händelfestspiele Göttingen (GHFS) reserviert. Noch bis Pfingsten gibt es eine Vielzahl von Konzerten incl. eines Wettbewerbes zu erleben. Dabei würde man bei »Göttingen« doch eher an Heinrich-Heine-Festspiele denken! Aber vielleicht hat der einstmalige Studiosus mit seinem Spott die Göttinger zu sehr verärgert, um ein derartiges Fest gewidmet zu bekommen. So ist das manchmal mit den eigenen »Pflanzen« (oder Propheten) …

Des Klagens Leder: Baß Przemysław Józef Bałka und das Fantastica Ensemble, Photo: Internationale Händelfestspiele Göttingen, © Alciro Theodoro da Silva

Georg Friedrich Händel war in Aachen zur Kur, aber nicht in Göttingen. Dort allerdings gab es am 26. Juni 1920 eine Aufführung der Händel-Oper »Rodelinda« durch Oskar Hagen mit der Akademischen Orchestervereinigung Göttingens, womit nicht nur der Anfang der GHFS gesetzt war, sondern eine regelrechte Renaissance an Händel-Aufführungen in Deutschland eingeleitet wurde – heute nennt man so etwas »nachhaltig«. Die sind GHFS damit die ältesten Händelfestspiele überhaupt (Halle folgte erst zwei Jahre später), zudem eines der ältesten Barockmusikfeste weltweit.

In diesem Jahr stehen die unter GHFS dem Motto »Verlockung«, womit laut Jochen Schäfsmeier (Geschäftsführender Intendant) viele Formen bespiegelt werden sollen: Die aktuelle Festspieloper »Deidamia« greift menschliche Konflikte um Liebe und Ruhm auf, »Messiah« steht für die positive Verlockung einer spirituellen Hoffnung. Igor Strawinsky hat in seinem Musiktheater »Histoire du soldat« eine teuflische Verlockung beschrieben.

Strawinskys Parabel »Die Geschichte vom Soldaten« mit Adrian Grünewald als Soldat und Paul Trempnau als Teufel, Photo: Internationale Händelfestspiele Göttingen, © Alciro Theodoro da Silva

Die deutsche Fassung »Die Geschichte vom Soldaten« (Regie: Erich Sidler) steht in diesem Jahr auf dem Plan des Deutschen Theaters im Rahmen der GHFS, wo ihr Matthias Weckmanns Vertonung der Klagelieder Jeremias‘ (»Wie liegt die Stadt so wüst«) vorangestellt ist. Das barocke Werk für Sopran (Ingrida Gápová) und Baß (Przemysław Józef Bałka) führte mit dem Fantastica Ensemble nicht in eine Situation des allgemeinen Leids und der Trauer, sondern lenkte mit Projektionen (Folkert Uhde) von kriegsbetroffenen Städten, getarnten Geschützen und Soldaten in Schützengräben den Blick auf individuelle Schicksale und Betroffenheit.

Felicitas Madl (Prinzessin), Photo: Internationale Händelfestspiele Göttingen, © Alciro Theodoro da Silva

Diese Fokussierung paßte trotz des in Epoche und Stil vermeintlichen Versatzes zu Strawinskys groteskem Musiktheater. Die Betroffenheit stellte sich hier anders ein, weil die Geschichte mit Paul Trempnau (Teufel), Gabriel von Berlepsch (Vorleser), Adrian Grünewald (Soldat) und Felicitas Madl (Prinzessin, alle Deutsche Theater) wie ein Puppenspiel dargestellt war. Somit blieb zwar eine erzählerische Distance gewahrt – man konnte scheinbar unbeteiligt die Figuren betrachten und den Anspielungen Strawinskys lauschen (Göttinger Symphonieorchester unter der Leitung von Georg Köhler) – trotzdem stellte sich das Mitfühlen mit dem Soldaten ein, der den fatalen Pakt mit dem Teufel (er soll ihm in drei Tagen das Geigenspiel beibringen) eingeht. Zunächst gewinnt er Geld und Prinzessin, doch trügt der Schein und er verliert alles. Die knappe, geradezu antifaustischen Parabel blieb so vorhersehbar wie erschreckend. Die Kombination von Musik, Theater und Tanz bzw. verfremdender Choreographie (die aus Menschen Puppen macht) war beanspruchend, aber berührend!

Gabriel von Berlepsch (Vorleser), Felicitas Madl (Prinzessin), Adrian Grünewald (Soldat) und Paul Trempnau (Teufel), Photo: Internationale Händelfestspiele Göttingen, © Alciro Theodoro da Silva

18. Mai 2026, Wolfram Quellmalz

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