Einmal durch Europa in zwei Wochen

Sommertour der Chicago Master Singers in der Dresdner Kreuzkirche

Gastorchester und -chöre kommen regelmäßig in die Dresdner Kreuzkirche. In den Sommermonaten kehren regelmäßig amerikanische Gäste auf ihrem Weg durch Europa ein. Am frühen Mittwochabend waren es die Chicago Master Singers (CMS), deren Auftritt deutlich mehr suggerierte als nur einen Laienchor: der hochwertige Programmzettel für die Tour zeigt elf Auftrittsorte, wobei die CMS in drei wichtigen Städten gleich doppelt auftreten, und das auch nicht an unbedeutenden Orten: in Leipzig war der Chor in der Thomas- und der Nikolaikirche zu erleben, in Freiberg im Dom, in Prag stehen ebenfalls zwei große Kirchen auf dem Programm, in Dresden ging dem Mittwochskonzert eines am Montag in der Frauenkirche voraus.

Die Werbung hat aber offenbar gefruchtet, denn das Kirchenschiff war gut besucht. Etwa 40 der insgesamt 100 Sängerinnen und Sänger, die zu den CMS gehören, waren mit dem Music director John C. Hughes angereist. Allerdings überraschte die sitzende erste Reihe des Chores ebenso, wie daß eine Sängerin eine Maske trug. Hierzulande geht man damit offener (oder konsequenter: im Zweifelsfall nicht singen) um. Und kann man im Sitzen wirklich gut singen, ist der Oberkörper frei?

Chorplakat, Bildquelle: © CMS

Einen großen Klang konnten die CMS dennoch erzeugen, auch die Freude am Singen kann man ihnen kaum absprechen. Dazu kam, daß die deutschsprachigen Titel – ohnehin Gradmesser der Chorliteratur – überraschend gut verständlich ausfielen. Da waren manche englische Lieder weniger klar artikuliert und schwerer zu entschlüsseln.

»Mit Jauchzet dem Herrn alle Welt« von Felix Mendelssohn hatte John C. Hughes ein großes, allerdings schweres Stück an den Anfang gesetzt. Auch wenn dies als Begrüßung für das Publikum natürlich ansprechend gewählt war, mußte sich der Chor noch »einstellen«, wie man gegen Ende des Konzertes feststellen konnte. Zunächst war das Vibrato noch generell sehr stark, so daß Mendelssohns frohes Lied einen übertrieben bebenden Charakter erfuhr – vielleicht wäre eine andere Reihenfolge günstiger gewesen?

Auch war das Vibrato nicht gleichmäßig verteilt, wie »I will lift mine eyes« von Jake Runestad offenbarte, als die Soprane deutlich über den übrigen Chorsängern schwebten. Insofern schien anfangs noch die Sicherheit zu fehlen, denn Randall Thompsons »Alleluia« hatte eher einen verzagten, zumindest nicht den jubelnden Charakter, den man bei einem »Halleluja« erwartet.

Allerdings gewannen die CMS im Verlauf an Sicherheit. vor allem die letzten vier Titel gelangen überzeugend: Egil Hovlands »The glory of the Father«, passenderweise vom Glockenschlag der Turmuhr eingeleitet, überzeugte mit seinem schlichten Charakter. Vielleicht hatte sich jetzt die Vibratoblockade gelöst? Das nachfolgende »The word was God« von Rosephanye Powell bot dem Publikum einerseits einen amerikanischen Song im Stil eines Traditionals, andererseits wirkte sein Rhythmus ausgesprochen belebend.

Antonín Dvořáks »Místo klekání« (Abendsegen) war ebenso von einem Rhythmus getragen, auch wenn dem Chor die böhmische Seele des temporären Wahlamerikaners letztlich ein wenig fehlte. (Aber wer erreicht schon die böhmische Seele, ohne tiefer damit Bekanntschaft geschlossen zu haben?). Das »Abendlied« Josef Gabriel Rheinbergers war bereits der Abschluß des Konzerts, noch einmal sehr gut verständlich und berührend.

Zum Mittelteil hatten viele tief im Glauben verankerte sakrale Titel gehört, neben »Surge Illuminare« (Mache dich auf, werde Licht) von Michael John Trotta unter anderem das hierzulande oft gehörte »O radiant dawn« (Strahlende Morgenröte) von Sir James MacMillan. Natürlich wäre ein Vergleich mit den hiesigen Spitzenchören unfair, dennoch drängte er sich angesichts des repräsentativen Auftrittsortes trotzdem auf. Auch Morten Lauridsens »O nata lux« (Oh Licht, aus Licht geboren) war so ein Referenztitel. Beinahe wäre darunter »Rabia’s prayer« (Rabias Gebet) von Francis Lynch übersehen worden. Die amerikanische Komponistin hatte den CMS ein neues Stück für ihre Europatournee mitgegeben (Uraufführung).

Mit einem weiteren Traditional (»Take me home«) verabschiedeten sich die CMS nach bereits 45 Minuten, als sie sich gerade eingesungen hatten.

2. Juli 2026, Wolfram Quellmalz

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