Vesper Moritzburg mit »Musicalischen Seyten-Klängen«
Am Wochenende brauchte, wer ins Konzert gehen wollt, eine Kombination aus guter Gesundheit, Stehvermögen und Begeisterung bzw. Willen zur Sinnenlust. Viele Spieleorte sind nicht klimatisiert, mancher Raum heizte sich auf, die Sonne brannte gleichermaßen gnadenlos auf Häuser, Lichtsegel und Zeltdächer. Selbst die Schloßkapelle Moritzburg, an der (südlichen) Sonnenseite des Schlosses gelegen, war weit entfernt von den kühlen Temperaturen großer Kirchen.
Doch Ulrike Titze hatte die Vesper am Sonntag glücklicherweise nicht abgesagt, so daß das wetterbedingt allerdings geminderte Publikum in den Genuß bisher unbekannter Suiten kam. Über Jacob Scheiffelhut wissen wir heute kaum noch etwas, dabei wurde der Augsburger Musiker einst geschätzt und von Kollegen wie Johann Mattheson oder Wolfgang Caspar Printz gerühmt. Doch Scheiffelhut hatte kein wichtiges öffentliches Amt erlangt und wohl zu wenig Aufsehen erregt. Vielleicht schienen seine Suiten manchem auch zu regelmäßig (jeweils identische Satzfolge) in der Struktur, mißten ein Neuerertum, oder es mangelte ihnen an Extravaganz?

Manches Urteil, manche Einordnung erweist sich im nachhinein allerdings als falsch oder einer Neubewertung würdig. Das Dresdner Barockorchester um Margret Baumgartl, das am Wochenende außerdem die letzte Kreuzchorvesper und den Gottesdienst zum Johannisfest gefeiert hatte, nahm sich des vergessenen Komponisten an. Hatten in der Dresdner Kreuzkirche teils aufwühlende Kompositionen von Bach, Mendelssohn und Filippo Nisini (Träger des Rudolf-Mauersberger-Stipendiums 2026) auf dem Programm gestanden, wurden in der Moritzburger Schloßkapelle die Emotionen durch Tonarten verfeinert dargestellt. Denn Jacob Scheiffelhut hatte sie in seinen unter dem Titel »Musicalischer Seyten-Klang« verlegten Suiten aufgegriffen.
Somit konnte man trefflich vergleichen, wie unterschiedlich er Præludien, Allemanden oder Giquen angelegt hatte, welche Emotionen darin lagen oder für welche Stimmungen sie standen. Interessant: der Musiker und Musikschriftsteller Johann Mattheson, der Jacob Scheiffelhut so gelobt hatte, hinterließ nicht nur zahlreiche Werke, wie eine Generalbaß-Schule und »Der vollkommene Capellmeister« (Hamburg 1739), sondern gehörte auch zu jenen Theoretikern, die (als Gebrauchsanweisung) den Tonarten einen bestimmten Charakter unterstellten.
Insofern war der Vergleich doppelt interessant. Die Suiten begannen in d-Moll, nach Mattheson »bescheiden, ruhig, aber auch großartig«, geradezu dramatisch. Seine Præludien hatte Scheiffelhut mehrteilig als große Eröffnung angelegt, das erste diente passend als Einzug. Die Allemanden ähnelten sich im ruhigen, fließenden Charakter und entfalteten die größte Eleganz. Die gleichen Sätze betonten somit die inneren Stimmungen als Unterscheidungsmerkmale der Tonarten.
Als schönste und entspannteste Sätze erwiesen sich die Sarabanden nach den jeweils flotteren Ballo. Den Schluß- und Höhepunkt setzte je eine effektvolle Gique, mehrteilig und fugiert. Doch fiel auf, daß diese in einem öffnenden Charakter ausklang. Lothar Haass (Viola), der die Werke ausgegraben hatte, verwies darauf, nicht in die üblich, gewohnte Praxis eines betonenden Ritardando am Ende zu verfallen. Das könne man machen, doch müsse es nicht immer so sein. Wie Scheiffelhut es gewollt habe, sei gar nicht sicher.
Der Effekt eines offenen Ausklangs machte neugierig und versicherte praktisch, daß noch etwas folgen werde, sei es nun andere Musik, eine Tafel-Zeremonie oder der persönliche Ausklang jedes Besuchers.
So lief der Nachmittag intim und zärtlich weiter – f-Moll hatte Mattheson als »friedlich« bezeichnet, aber vor der »tiefen, tödlichen Herzensangst« der » äußerst labilen« Tonart gewarnt. Davon war ebensowenig zu spüren wie von »schwarzer, hilfloser Melancholie, die beim Hörer Schrecken und Schaudern weckt«. Manche Theorie ist eben nur bedingt praxistauglich!

Pater Albert Holzknecht nahm musikalische Charakterzüge in sein Wort auf und lud das Publikum ein, als Übung für unterwegs und zu Hause, sich auf Sinneindrücke und das Wahrnehmen einzulassen, sich zu öffnen, ohne jeweils gleich bewertend eine Schlußfolgerung zu ziehen. Das stärke die Vorstellungskraft, zu der schließlich alle fünf Sinne gehörten.
Nach festlichem h-Moll (Mattheson: »Zerrissenheit, Melancholie, deshalb in alter Zeit aus den Klöstern verbannt, nicht besonders nützlich«!) und herausgehobenen Dialogen zwischen den Spielern (außerdem: Wolfgang von Kessinger / Violine, Alma Stolte / Violoncello und Sebastian Knebel / Cembalo) durfte E-Dur wie ein Schlußwort und mit der vielleicht schönsten Sarabande (Mattheson: »scharf, halsstarrig«) den Nachmittag beinahe beschließen. Fast, denn trotz Hitze wollte das Publikum doch ein wenig mehr und bekam die Sarabande aus der C-Dur-Suite als Zugabe.
29. Juni 2026, Wolfram Quellmalz
In der nächsten Vesper am 23. August spielt Grundmann-Quartett Musik von Franz Schubert.