John-Cage-Projekt Halberstadt feierte 25 Jahre und den 17. Klangwechsel
Zeit und Musik gehören so eng zusammen wie Mörtel und Stein oder Bleirahmen und Buntglasfenster. Ein Zeitmaß prägt nicht nur wesentlich den Charakter, die Zeit tritt auch immer wieder inhaltlich hervor. Schon Bachs Goldbergvariationen stecken zyklisch einen Zeitrahmen ab, Erik Satie trieb das Spiel in seinen Vexations (»Quälereien«) noch weiter – er läßt das wenige Minuten lange Stück bzw. Motiv durch hundertfache Wiederholung zur meditativen Übung für Spieler und Zuhörer werden – oder eben zur Schikane.
John Cages »As slow as possible« besteht aus acht Teilen, wovon sich sieben unterscheiden und ihre Reihenfolge sowie die Wahl einer Wiederholung aleatorisch (durch Würfel) ermittelt werden. Auf einem Konzertflügel ist »As slow as possible« vom Nachklang der Saiten und deren Ausschwingen begrenzt und dauert etwa eine halbe Stunde auf. Mit der Idee, das Stück auf eine Orgel zu übertragen, auf der die Töne praktisch endlos klingen können, läßt es sich aber beliebig in die Länge ziehen. Die Orgelbearbeitung ORGAN2 / ASLSP fertigte John Cage (1912 bis 1992) noch selbst an.

In Halberstadt kam eine Gruppe von Enthusiasten auf die Idee, den Zeitraum von einer der ersten urkundlich dokumentierten großen Orgel in einer noch heute üblichen Bauform (1361, Halberstädter Dom) bis zum Jahr 2000 (geplanter Start des Projekts) in die Zukunft zu spiegeln und ORGAN2 / ASLSP auf 639 Jahre zu dehnen. Dem entspricht ungefähr die Bauzeit des Kölner Doms.
Um ein Jahr verschoben begann das Projekt 2001 in der St.-Burchardi-Kirche, einem romanischen Bau, der eine wechselvolle Geschichte erlebt hat. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er landwirtschaftlich genutzt, waren hier Scheunen und Stallungen untergebracht. Glücklicherweise blieb viel von der Klosteranlage erhalten. Heute wird sie außerdem für Küchengarten und vom Kolping-Bildungswerk genutzt.
Für den Dauerton von ORGAN2 / ASLSP wird weder eine Silbermann-Orgel noch ein engagierter Organist eingesetzt. Eine kleine Hüfken-Orgel enthält nur jene Pfeifen, die gerade klingen, die Tasten sind durch Gewichte dauerhaft gedrückt. Alle paar Monate oder Jahre, je nach Verlauf von ORGAN2 / ASLSP, gibt es einen Klangwechsel. Das ist so selten, daß er jedes Mal zum Ereignis wird. Der letzte fand vor über zwei Jahren statt (Februar 2024), den nächsten gibt es »schon« im Oktober 2027. Gefeiert wird immer am jeweils 5. eines Monats – das weite Verzerren der Partitur auf dem Scanner läßt selbst schmale Striche so breit werden und ihren Rand ausfransen, daß man einen exakten Zeitpunkt schwer ermitteln könnte. Die Projektleitung entschied sich daher für den jeweils 5., weil John Cage an einem 5. (September) Geburtstag hatte.
Ein langes Projekt, von dem wir selbst mit unseren Enkeln nur den Anfangsteil überblicken – ORGAN2 / ASLSP steht im Grunde symbolisch für Vertrauen in die Zukunft. Nicht zuletzt kann der Rezensent aus eigener Erfahrung bestätigen, daß es nach einem Wochenende mit all seinen stündlich wiederholten Tagesnachrichten eine ungemein relativierende Wirkung hat, wenn man im Orgelmagazin des MDR hört: »In Halberstadt hat es einen Klangwechsel gegeben.« Im August wurden jetzt die Töne c‘ (16‘), des‘ (16‘), d‘, dis‘, e‘, ais‘ und e‘‘ um ein a‘ zu einem Achtklang erweitert.

Zu jedem Klangwechsel gibt es ein Rahmenprogramm (diesmal bis zum Sonntag, 9. August). Zeitgenössische Musik ist zum Beispiel unmittelbar mit zeitgenössischer darstellender Kunst verbunden und erlaubte in der Vergangenheit bereits interessante Begegnungen, etwa mit dem Werk von Dieter Schnebel. Diesmal wurde die Exhibition 26 »Inside Cage-Haus« eröffnet. Darüber hinaus führte die cage academy ihren jährlichen cage vocal workshop durch, der nicht nur in den Klangwechseljahren stattfindet.
Halberstadt ist auch zwischen den Klangwechseln einen Besuch wert. Die ersten fünfundzwanzig gefeierten Jahre wurden durch Sponsoren für sämtliche Klangjahre finanziert. Ab jetzt sucht das Projekt neue Paten, öffnet aber, bis zu vererbbaren Eintrittskarten für die Abschlußveranstaltung am 4. September 2640, verschiedene Türen für Unterstützer.
6. August 2026, Wolfram Quellmalz