Jooyeon Ka beim Pianoforte-Fest Meißen
Das Pianoforte-Fest Meißen bereichert jeweils ab Mai das Konzertangebot an verschiedenen Orten der Stadt, auch einem Ursprungsort: In der zweiten Generation zog die erfolgreiche FERD. THÜRMER Pianofabrik 1875 in die größeren Räume eines Neubaus in der Martinstraße 12. Bis 1945 wuchs die Zahl der auch an Zweigstellen gefertigten Klaviere auf etwa 67.000. Nach dem Krieg gab es einen Neuanfang im Westen (Herne, später Bochum, seitdem Produktionsstandort), doch bereits kurz nach der Wende kehrte Jan Thürmer nach Meißen zurück. Heute befindet sich in der oberen Etage des Hauses in der Martinstraße das THÜRMER Pianoforte-Museum.
Hier erklingen regelmäßig die eigenen Flügel, wie zur Langen Nach der Kunst, Kultur und Architektur. Am Sonntag war die Südkoreanische Pianistin Jooyeon Ka, unter anderem Preisträgerin beim Premio Jaén (Spanien), beim Internationalen Klavierwettbewerb Troisdorf, der New York International Piano Competition (USA) oder dem Henle-Klavierwettbewerb, erneut zu Gast – sie hatte zuletzt vor zwei Jahren im Abschlußkonzert in Meißen gespielt. Am Sonntag kamen trotz großer Hitze wieder erfreulich viele Besucher, so daß auch die Sitzplätze im Nebenraum genutzt wurden.
Das dicht gefügte Konzertprogramm umfaßte viele Epochen und Stile der Klavierliteratur und begann mit einem Bach-Schubert-Auftakt. Denn Jooyeon Ka hatte zwischen zwei Präludien und Fugen aus dem Wohltemperierten Klavier, Teil 1 (gis-Moll / BWV 863 und cis-Moll / BWV 849) Franz Schuberts zweites Impromptu aus der zweiten Serie (As-Dur, Opus 142 Nr. 2) plaziert.

Bei Johann Sebastian Bach überwogen zunächst teils hart betonte Konturen, wobei sich im zweiten Werkpaar eine Befreiung dahingehend zeigte, daß sich das Präludium der Harmonik Robert Schumanns zu nähern schien, während die dunkle Fuge in den Stufen des Kontrapunktes dynamisch wuchs. Schuberts Impromptu verlieh die Pianistin durch den Baß ein besonderes Gewicht, das den Fluß zunächst noch überwog – später als zweite Zugabe wiederholt, war die Balance besser eingestellt.
Die Mächtigkeit des Basses sowie den sich bedingenden Gegensatz von Gewicht und Führung der Melodie arbeitete Jooyeon Ka auch in Franz Schuberts Sonate A-Dur (D664) heraus. Das Andante wurde durch kleine Triller belebt, während das Schluß-Allegro noch einmal in Mächtigkeit wuchs – diese dynamischen Steigerungen fielen imponierend aus, trotzdem ein wenig gewagt, wenn nicht zu groß für den Raum.
Die Ballade Nr. 2 F-Dur (Opus 38) von Frédéric Chopin schloß den ersten Teil, zunächst mit einem Pendelrhythmus, der vom Baß ausgehend das treibende Element betonte. Mit dem den Steigerungen im Verlauf wuchs aber auch die Ballade recht mächtig.
Nach der Pause folgte Jooyeon Ka vielleicht einer Vorliebe – Stücke Claude Debussys hatten schon 2024 zu ihrem Programm gehört und hinterließen damals bereits den größten Eindruck. Diesmal hatte sich die Pianistin für Préludes aus dem Livre I entschieden: »Voiles« (Segel, Nr. 2), »Le vent dans la plaine« (Der Wind in der Ebene, Nr. 3) sowie »Les sons et les parfums tournent dans l’air du soir« (Klänge und Düfte der Abendluft). Erneut ließen die Stücke tief imaginieren und fanden leicht eine Entsprechung zu den vorgegebenen Titeln. Dennoch individuell: Spielte der Wind doch offenbar nur leicht in den trägen Segeln, bis sie die versprochene Brise blähte – solche dynamischen Stufungen liegen Jooyeon Ka offenbar besonders. Auch die Plötzlichkeit, die sich über der »Ebene« offenbarte, beindruckte. In der »Abendluft« dagegen folgte einem sehnsüchtigen Rhythmus und begann bereits einen erzählerischen Duktus.
Der verfeinerte Anschlag bleib in jenen Geschichten erhalten, die Clara (»Vorspiel zu ›Des Abends‹ von R. S.«) und Robert Schumann (Fantasiestücke Opus 12) erzählten. Schon Claras Prélude, als gebe sie ihrem Mann das Thema vor, der es aufgriff, war eine selten gehörte, aber zu würdigende Kombination, bevor Nachtwesen und »Grillen« ihr Unwesen treiben durften. Aber auch Fragefiguren (Nr. 3: »Warum?«) fing Jooyeon Ka darin ein.
Als Zugabe spendierte sie vor der Schubert-Wiederholung noch einmal Debussy, das Prélude aus der Suite bergamasque.
10. August 2026, Wolfram Quellmalz
Abschluß des Pianoforte-Festes Meißen: 16. September, 19:00 Uhr, Aula des Landesgymnasiums Sankt Afra, Jan Čmejla (1. Preis und Publikumspreis Internationaler Johann-Sebastian-Bach-WettbewerbLeipzig 2025) spielt Werke von Jean-Philippe Rameau, Lili Boulanger und Frédéric Chopin