Spielarten in Paris

Der zweite Abend des Moritzburg Festivals war rein französisch, aber so unterschieldich wie die französischen Farben Rot, Weiß und Blau

Das zweite Konzert des Moritzburg Festivals (MBF) führte am Sonnabend an die Seine, was in diesem Fall mit der Hauptstadt Paris gleichzusetzen ist. Der Hof von Versailles war einst in vielem Vorbild für andere Europäische Fürsten. Dabei hat sich ein französisches Idiom, aber auch eine ganz eigene französische Musikgeschichte, vielfältig in den Werken niedergeschlagen. Von Komponisten, die selbst als Virtuosen gespielt haben abgesehen, spielen besondere Farben und »Bilder« eine Rolle, unweigerlich stößt man in Paris aber auch auf Meister der Orgel, die – nebenbei oder ausnahmsweise – auch Kammermusik geschrieben haben. Im letzten Jahr spendierte Louis Viere dem MBF mit seinem Klavierquintett Opus 42 so eine Preziose, diesmal war Charles-Marie Widor an der Reihe. Mancher Kammermusikfreund schüttelte angesichts des Klavierquintetts d-Moll, Opus 7, den Kopf – Widor? Doch ruft man sich die Orgelsinfonien ins Gedächtnis, lautet spätestens bei der Toccata die Reaktion »Ah, Widor!«

So nah die drei Werke des Abends zeitlich einander lagen (sie entstanden alle in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, zwischen Widors Quintett und Camille Saint-Saëns‘ Klavierquartett lagen gerade einmal fünfzehn Jahre) – ihre Welten waren höchst unterschiedlich! Zwar gab Charles Marie Widor den Organisten nicht in einer bevorzugten und vordergründigen Behandlung des Klaviers zu erkennen, oft aber formt er mit den fünf Instrumenten einen Klang wie mit den Registern einer Orgel, verschmilzt ihn, statt Melodieverläufe oder Themen herauszuheben.

Gustave Caillebotte »La Seine à Argenteuil« (Ölfarbe auf Leinwand, 59,7 x 73,7 cm, 1882), Photo: Christie’s, Bildquelle: Wikimedia commons

Sophie Hauzel war an den bestens gestimmten Bösendorfer-Flügel zurückgekehrt, ihr zur Seite saßen Fiona und Hina Khuong-Huu (Violinen), Nils Mönkemeyer (Viola) und Petar Pejčić (Violoncello). Daß man sich die neuen Namen einprägen darf, zeigt der Verlauf der eigenen Geschichte des MBF: die Schwestern Fiona und Hina Khuong-Huu stießen einst über die Moritzburg Akademie zum Festival, Petar Pejčić war Schüler des Sächsischen Landesgymnasiums für Musik und Schüler des MBF-Mitbegründers Peter Bruns. Auch er spielte zuerst in der festivaleigenen Akademie. Nils Mönkemeyer als wohl berühmtester Teilnehmer war schon oft für Projekte wie mit den Dresdner Kapellsolisten vor Ort und am Sonnabend der erste Vertreter von ausgesprochen starken und sonoren Violastimmen.

Widors Quintett, das einen charmanten Ton der Melodie mit einem am Klavier getupften Baß verband, dynamische Verläufe bot, tat all dies gut. Denn die Einigkeit der Spieler stützte die zentrale Idee eines Klangs, auf dessen Bett sich eine Romanze (Andante) entfalten konnte. Spaß gemacht hat es wohl auch – Nils Mönkemeyer konnte sich manchmal ein Grinsen nicht verkneifen.

Camille Saint-Saëns stand der Orgel ebenso nahe, auch wenn er es nicht zum Titulaire brachte wie Widor. Dafür begeisterte er die Pariser bereits als Kind mit seinen Mozart-Interpretationen auf dem Klavier. Saint-Saëns‘ Klavierquartett Nr. 1 (E-Dur) verrät fiel von dieser Leidenschaft und der Lust an der Lebhaftigkeit. Lise de la Salle (Klavier), Josef Špaček (Viola), Camille Thomas (Violoncello) und Paul Neubauer (Viola) hatten das Cello, das mit einem Schmachten beginnen durfte, in die Mitte genommen. Die Violine spendete ihren Gesang bis in süßestes Vogelgezwitscher, während sich die Viola in der Rolle der Plauderin gefiel – sie blieben mit dem Klavier im Hintergrund verbunden. Hatte Widor noch die Register geformt, durfte bei Saint-Saëns die Individualität sprießen, fand in ausgefeilten Dialogen aller und rhythmischen Pizzicati aber auch erzählerische Strukturen. Passagen herber Schönheit standen zärtliche Miniaturen gegenüber. In der Ausgewogenheit des Quartetts herrschte eine intime Atmosphäre vor, weshalb wohl auch der dritte Satz mit Feuer, aber nicht mit »Turbo«, sondern leicht wie Mozart beginnend und sich in Brahms’sche Herzhaftigkeit steigernd vorgetragen war.

Die Frage »Orgel oder nicht« stand bei Claude Debussy nicht im Raum, dennoch verbindet man ihn zunächst vielleicht mit »Pelléas et Mélisande«, »La mer« oder seinen Images und Préludes für zwei und vier Hände auf dem Klavier. Debussys Streichquartett g-Moll (Opus 10) setzte den vorangegangenen Werken die dezidierte Harmonik eines gemeinsamen Bogenstrichs entgegen. Josef Špaček und Claire Wells (Violinen), Nicholas Swensen (Viola) und Jan Vogler (Violoncello) bezauberten vor allem mit den Binnensätzen, einem erfrischenden Assez vif sowie einem Andantino, das in der einbrechenden Nacht zum Nocturne für Streichquartett wurde.

10. August 2026, Wolfram Quellmalz

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