Programm »Moldau« beim Moritzburg Festival mit Freuden und Leiden
Die vielleicht tiefste Erfahrung war das Klaviertrio g-Moll (Opus 15) von Bedřich Smetana, wobei diese Erfahrung vorab zur öffentlichen Probe in der Moritzburger Kirche am Montag vielleicht sogar noch größer gewesen ist. Konnte das Werk dort doch eine Intimität entfalten, die auf der Schloßterrasse nicht gegeben ist. William Youn (Klavier), Hina Khuong-Huu (Violine) und Camille Thomas (Violoncello) erweckten ebenso Gefühle der Trauer (der Komponist verarbeitete in dem Werk den Tod seiner Tochter), wie Smetana dennoch Hoffnung zu schöpfen schien.
Mit einem fallenden Motiv wurde die Bodenlosigkeit fühlbar, die dennoch nicht vermitteln kann, was es bedeutet, ein Kind zu verlieren. Camille Thomas fügte dem Trauermotiv zärtlich jene Gedanken an, die für Erinnerungen an frohe Tage stehen mögen. Trotz der gegebenen Leisheit und Vorsicht offenbarten die drei Spieler enorme Spannungsspitzen, fanden für die enthaltene Wut einen heftigen Klang, bei dem man meinte, dem Trio habe sich ein Schlagwerk hinzugesellt. Der zweite Satz stand wie so viele an diesem Abend für ein Wechselbad der Gefühle, schien er doch munter zu beginnen, indes der Mittelteil ihn zurückwarf. Im Finale entwickelten William Youn, Hina Khuong-Huu und Camille Thomas jene Vehemenz, die das Schicksal zu verabscheuen scheint, balancierte zwischen ausgeformten Pizzicati und einem Schicksalsdonner, fanden aber auch einen Klang der Hoffnung, die jedoch nie ein Versprechen ist oder eine Garantie hat, aber Anlaß gibt, an Besserung zu glauben.
Schicksal, Trauer, Verlust kennzeichneten auch das vorzeitig beendete Leben von Erwin Schulhoff. Dabei hatte der Komponist früh eine eigene Richtung eingeschlagen, Grenzen zwischen Klassik und Jazz überwunden. So war es in seinen Fünf Stücken für Streichquartett mit Fiona Khuong-Huu und Claire Wells (Violinen), Nils Mönkemeyer (Viola) sowie Jan Vogler (Violoncello) zu erleben. Jeder der Sätze trägt ein »Alla« vor der eigentlichen musikalischen Bezeichnung. Statt (exakt) Valse viennese, Serenata, Czeca, Tango milonga und Tarantella heißt es im Grunde also jeweils »so wie« oder »als ob«. Gerade mit dieser Ähnlichkeit oder Verzerrung spielte Schulhoff und entwickelt mit Verve ein beeindruckendes Temperament. Wer hätte nach diesem Walzer tanzen können? Das Springen der Tarantella lag noch am ehesten im Rahmen des möglichen. Doch die vier Spieler ließen sich von vertrackten Rhythmen, Verschiebungen, synkopischen Abweichungen und anderen Anfordernissen nicht ablenken – ob den flotten Anforderungen von Czeca oder Tarantella im gemeinsamen Maß, dem scheinbar entgleitenden Tango oder einfach einmal den tragfähigen Kantilenen von Viola und ihr folgendem Violoncello – die fünf kurzen Stücke entwickelten auf der mittlerweile arg kühlen Schloßterrasse eine szenische Kraft!

Und doch folgte die eigentliche Krönung wieder nach der Pause. Ähnlich wie am Eröffnungstag mit Brahms sorgte nun sein Bruder im Geiste, Antonín Dvořák, für den Höhepunkt. Gleich das im Duett von sanfter Violine (Claire Wells) und warmem Violoncello (Petar Pejcic) begonnene Klavierquintett A-Dur (Opus 81) markierte ihn. Die Spannung blieb erhalten, denn mit Lise de la Salle (Klavier), Fiona Khuong-Huu (Violine) und Paul Neubauer (Viola) folgte ein weiteres Wechselbad – Momente der innigsten Beruhigung und rasanter Tuttiläufe, heiteren Frohsinns und tiefer Melancholie, leichter Hingabe und sinniger Schwärmerei. Die Führung lag dabei nicht immer in den Händen von Claire Wells, sondern wechselte auch einmal zur Viola von Nils Mönkemeyer. Beide saßen sich gegenüber und belebten die Dumka – das Violoncello war wiederum nicht wie meistens rechts außen, sondern in der Mitte plaziert.
Auch Dvořák hatte mit den Formen gespielt. Noch nicht so extrem vielleicht wie Erwin Schulhoff, aber sein Scherzo war bereits voller Anspielungen und kleiner Abwandlungen.
12. August 2026, Wolfram Quellmalz