Streichtrio mit den Goldberg-Variationen im Marcolini-Palais
Johann Sebastian Bachs Goldberg-Variationen (BWV 988) gehören zu den faszinierendsten und am meisten aufgeführten Werken der Musikgeschichte. Und zu den komplexesten. Die »Kunst der Fuge« (BWV 1080) hat bis zu Mozart und Beethoven viele Nachahmer und Bearbeiter gefunden und wird in Auszügen gern von Streichquartetten gespielt. Das entnehmen einzelner Variationen bietet sich bei den zyklisch geschlossenen Goldberg-Variationen jedoch nicht an (wenn es sich nicht sogar verbietet). Unter den Übertragungen des Werkes ist jene von Wilhelm Middelschulte für die Orgel am bekanntesten, während Namen wie Carl Czerny, Ferruccio Busoni und Josef Gabriel Rheinberger / Max Reger, die vor allem Aspekte der Dynamik eines oder zwei moderner Klaviere zu berücksichtigen suchten, geradezu danach rufen, von Pianisten neu hinterfragt zu werden.
Obwohl es Bearbeitungen für andere Besetzungen gibt, hat sich erst jene von Dmitri Sitkovetsky (1984) für Streichtrio wirklich durchgesetzt. Mittlerweile gehört diese Fassung zu den am häufigsten gespielten von BWV 988. Wenn also Busoni Bach in die Gegenwart (und Zukunft) übertragen wollte, warum nicht die neue Bearbeitung in die Zeit Bachs spiegeln, ihn auf alten Instrumenten und in alter Stimmung (also tiefer) spielen?

Am Dienstag war ein Streichtrio mit Caspar Erler (Violine), Sophie Gulde (Viola) und Tabea Zeigner (Violoncello) im Marcolini-Palais zu Gast, die auf Barockinstrumenten die »Goldberg-Variationen 415 Hz« (Konzertankündigung) so spielten, wie sie um 1740 hätten klingen können.
Nun hat Bach seinen Variationen keine »Thema«, sondern eine Aria vorangesetzt, deren Baßlinie dreißigmal verändert wird. Die Wiederholung der Aria am Ende ist durchaus nicht ad libitum aufzufassen, sondern von Bach so gefordert. »Aria« ist dabei nicht zwangsläufig mit der Arie einer Kantate gleichzusetzen, sondern eine davon abgeleitete musikalische Form, dem Lied nahe. Während auf Blasinstrumente übertragene Arien immer eine besondere Gesanglichkeit offenbaren, ist die Interpretations- oder Charakterisierungsvielfalt der Aria in den Goldberg-Variationen größer.
Nicht wie einzelne Sänger, sondern wie ein innig geschlossenes Consort formte das Trio die Aria, also durchaus anders als auf dem Klavier, wo eine Melodiestimme dominiert. Das kantable lag den dreien ohnehin, Caspar Erler, Sophie Gulde und Tabea Zeigner setzten es aber dosiert ein, wie in Variation Nr. 7, einem ariosen Duo von Violine und Violoncello, oder in der getragenen 13., die fast so gesanglich wie die Aria klang. Jetzt traten auch Einzelstimmen hervor, wie die sonore Viola.
Begonnen hatten die Variationen ausgesprochen kontrapunktisch, was sich auf den drei Instrumenten ausgeprägt darstellen läßt. Aber kontrastreiche Gegenüberstellungen (wörtliche Entsprechung: »Note gegen Note«) blieben – wie bei der Kantabilität – nicht dauerhaft prägend. Bald schon folgte auf eine musikalische Disputation ein beschwingter Einklang. Der Reiz der Bearbeitung zeigte sich oft in der »ausgewogenen Ungleichbehandlung« der Stimmen, wenn sich diese zum Beispiel bündig in allen Kombinationsmöglichkeiten von Duos abwechselten (Variationen 10, 14, 26). Noch raffinierter wurde es, wenn Violine, Viola und Violoncello in eigenen Takten bzw. Tempi spielten, wie in Variation Nr. 6.
Natürlich waren besonders virtuose und effektvolle Variationen auffällig, durch Punktierung oder Pizzicati (12, 18, 19, 20). Einzelne erreichten besondere Individualität, wie die kernige 20. oder das Pizzicato in Nr. 19, das an die Mandolinen von Antonio Vivaldi erinnerte. Nr. 24 (Canone all’Ottava) offenbarte moderne Tanzrhythmen, fast wie Bach in Lateinamerika!
Spannungsreich gelangen vor allem die langsamen Sätze, wie das Largo der 9. Variation (Canone alla Terza) oder das Adagio der 25., sogenannten »schwarzen Perle«. Die Lebendigkeit einer Aufführung zeigt sich aber nicht nur in einzelnen Momenten, seien sie nun virtuoser oder emotionaler Natur, sondern in Verläufen, wenn sich aus einer zurückgenommenen Variation die folgende mit dem Jubel der Violine erhob (21 / 22). Manchmal lag so ein Verlauf sogar innerhalb eines Satzes, wie in Nr. 15, die im tragischen Duktus begann, aber offen und luftig endete. Mit der Ouvertüre (Nr. 16) wiederum hatte der zweite Teil eine angemessen festliche Eröffnung gefunden.
Der Zauber der Goldberg-Variationen lag also nicht in einer endlosen oder spiralförmigen Steigerung, sondern in einem Verlauf mit Stimmungsbildern und Höhepunkten. Vor dem abschließenden Consort gab es noch so einen im dreistimmig fugierten Kanon (Quodlibet Nr. 30).
1. Juli 2026, Wolfram Quellmalz
Die Konzertreihe im Marcolini-Palais geht in die Sommerpause und kehrt am 6. Oktober mit den Fiori musicali und Instrumentalmusik um 1600 zurück.