Jagdszenen in Gohrisch

Erlebnisse und Funde bei den Schostakowitsch Tagen Gohrisch

Am Wochenende mochte man kaum vor die Tür treten, es sei denn, um sich am Wasser oder anders zu erfrischen. Eine erhebliche Zahl Musikfreunde fand jedoch genug Erfrischungsgründe, um in der Hitze nach Gohrisch zu pilgern oder dort zu verweilen, wobei die Schostakowitsch Tage Gohrisch (STG) wie die Gemeinde alles getan haben, um Stimmung und Gesundheit von Künstlern und Gästen zu erhalten. Die »Gemeinde« der STG läßt sich dabei in einem mit den Besuchern der Bayreuther Festspiele vergleichen: hier wie da kommen Musikbegeisterte aus allen Schichten – die einen reisen lange geplant und mit dem »Maximalpaket« (Festivalpaß) ausgestattet von weit her an, bleiben für vier intensiv verbrachte Tage vor Ort, andere pendeln täglich von Dresden oder aus der Umgebung. Die Kleidung reicht von legére über gediegen bis formell – sie alle eint, daß es ihnen um die Musik eines bestimmten Komponisten geht, da mögen Wagner und Schostakowitsch noch so weit »entfernt« voneinander sein.

Auch die Komponisten des Sonnabendabend waren weit voneinander entfernt, obwohl sich zwischen Schostakowitsch und Mendelssohn freilich leicht Bezüge finden lassen. Der Tag hatte bereits mit einem Vormittagskonzert und drei (!) Europäischen Erstaufführungen von Werken des Schostakowitsch-Freundes und Schülers Lew Abeliowitsch begonnen, am Nachmittag hatte Elisabeth Leonskaja den diesjährigen Internationalen Schostakowitsch Preis Gohrisch entgegengenommen.

Tobias Niederschlag, der Erfinder und Künstlerische Leiter der Schostakowitsch Tage Gohrisch überreichte am Sonnabend Elisabeth Leonskaja den Internationalen Schostakowitsch Preis Gohrisch, Photo: STG, © Oliver Killig

Am Abend saß die Preisträgerin schon wieder am Klavier und öffnete mit der zweiten Klaviersonate von Dmitri Schostakowitsch (Opus 61, h-Moll) ein Schatzkästchen. Von wegen Hitze, Rücksicht auf das Alter oder sonstige Verzagtheit – Elisabeth Leonskaja setzte sich an den Steinway und legte ohne zu verharren los! Keine aufgesetzte Geste war dies, sondern Teil einer Unmittelbarkeit, mit der sie Schostakowitschs Musik nahebrachte. Spontane, bewegliche Läufe kennzeichneten den ersten Satz, dem zweiten, einem Largo, das fast ratlos, suchend schien, wohnet nicht nur eine hohe Spannung inne, sondern eine geradezu mysteriöse, aus Schostakowitschs Doppelbödigkeit wachsende Stimmung. Das kraftvolle Moderato con moto erwachte ohne Drang und stellte Motiv und Wiederholung gegenüber, als sei es eine »ferne Fuge«. Doch nicht solche Struktur, sondern der Rhythmus, an Jazz, sogar einen Tango gemahnend, erwies sich als treibendes Element.

Mit den Zwei Stücken für Streichoktett Opus 11 brachten Vadim Gluzman, Madara Pētersone, Susanne Branny und Marija Strapcāne (Violinen), Nils Mönkemeyer und Marcello Enna (Violen) sowie Sebastian Fritsch und Magdalēna Ceple (Violoncelli) ein Frühwerk von Dmitri Schostakowitsch in die Gohrischer Konzertscheune und wuchsen zu einem begeisternden Ensemble, das aus Musikern der Sächsischen Staatskapelle und Gästen gebildet war – diese wie jene kehren jedes Jahr wieder.

Rhythmisch, jazzig hob das Präludium an, das in kurzen Bögen Themenzitate verband, mal das Violoncello (Sebastian Fritsch), dann die Violine von Vadim Gluzman singen ließ, der optisch wie klanglich bewegliche Nils Mönkemeyer blieb stets in der Mitte. Dennoch zählten weniger solistische Anteile, sondern gemeinsame.

Das führte schnell zum Vergleichen – Schostakowitschs Oktett kann durchaus jubeln, aber nicht so luftig und frei Mendelssohns, das noch folgen sollte. Zunächst eröffnete das Scherzo eine Jagdszene, welche die nächsten Vergleiche nahelegte, wiederum zu Mendelssohn, aber auch zu Schostakowitsch selbst, dessen Allegro molto aus dem achten, in Gohrisch entstandenen Streichquartett (Opus 110) hier durchzuschimmern schien.

Dmitri Schostakowitsch war in ganz anderen Verhältnissen aufgewachsen als Felix Mendelssohn, hatte keine gutsituierte, bildungsbürgerliches Elternhaus, das ihm eine Grand tour ermöglichte – in der Auseinandersetzung mit vorangegangenen Komponisten stehen sie sich indes nahe, Bach war für gleichermaßen ein zentraler Bezugspunkt.

Aber gibt es einen »Bezugspunkt Schostakowitsch« bei Felix Mendelssohns? Zumindest, als das Streichoktett Opus 20 Es-Dur am Ende des Abends erklang, drängten sich Fragen auf, ob Mendelssohn hier vielleicht erregter klang, oder die Violoncelli »sonniger«? In jedem Fall gelang es betörend geschlossen und offerierte mit Scherzo und Presto am Ende zwei Jagdszenen mit hohem Kontrast zu jenen bei Schostakowitsch, dessen Unmittelbarkeit im Vergleich oft beklemmend wirkt. In der Art vollkommen verschieden, war die Wirkung in beiden Fällen jedoch mitreißend!

28, Juni 2026, Wolfram Quellmalz

Nachhören:

Sämtliche (!) Konzerte wurden mitgeschnitten. Am 13. November 20:03 Uhr senden MDR Kultur einen Rückblick. Deutschlandfunk Kultur hat das Nachmittags-Konzert mit Elisabeth Leonskaja und den Klavierquintetten Opus 44 von Robert Schumann und Opus 57 von Dmitri Schostakowitsch am Sonnabend mit geschnitten. Nach der Ausstrahlung am Sonntag ist noch eine Woche lang nachzuhören. Andere Rückblicke sind auf in der Mediathek der STG zu finden.

CD-Tip: Dmitri Schostakowitsch »Discoveries« (Weltpremieren und Raritäten aus den Aufführungen in Gohrisch) mit Daniil Trifonov, Gidon Kremer, Nils Mönkemeyer, Alexander Roslavets, Yulianna Avdeeva, Kremerata Baltica, Staatskapelle Dresden, Thomas Sanderling, Werke: Antiformalistischer Rajok, Drei Fragmente aus »Die Nase«, Impromptu für Viola & Klavier, Fugen Nr. 1-3 für Klavier, Scherzo Opus 1a für Klavier, Fünf Stücke für zwei Violinen und Klavier, »Im Wald«, Präludium und Fuge cis-Moll, Murzilka, »Der Nagel von Jelabuga« (unvollendetes Lied), erschienen bei Deutsche Grammophon

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