Virtuose Unterhaltung aus drei Jahrhunderten

Junge Matinée mit Klavierstundenden in der Sächsischen Landesärztekammer

Regelmäßig etwa einmal im Vierteljahr gestaltetet der musikalische Nachwuchs aus Dresden, Meißen und Umgebung die Jungen Matinéen in der Sächsischen Landesärztekammer. Diesmal waren es Klavierstudenten aus der Klasse von Karl-Heinz Simon, die »Beliebte Klavierwerke aus 3 Jahrhunderten« (Programmtitel) präsentierten. Das wäre wegen eines Krankheitsfalls beinahe nicht oder nur knapp möglich gewesen, denn von Ludwig van Beethovens Geburtstag bis zum Sterbetag Alexander Skrjabins werden drei Jahrhunderte gerade einmal überstrichen. Eine Einspringerin sorgte dafür, daß die drei Jahrhunderte auch nach der Entstehungszeit der Werke »eingehalten« wurden.

Jahre, Jahrhunderte und die Zeit, um etwas entstehen zu lassen, machte zu Beginn schon Shun Kondo deutlich, denn er ist in der Tat (noch) kein Student, sondern mit gerade neun Jahren Klavierschüler, wird aber bereits von Karl-Heinz Simon betreut, der zudem ankündigte, daß es in absehbarer Zeit an der Musikhochschule Dresden eine Nachwuchsklasse Klavier geben werde.

Shun Kondo stand insofern vor der Herausforderung, daß die richtige Sitzhöhe nicht nur auf die Tastatur bezogen sein darf, sondern die Erreichbarkeit der Pedale mit den Füßen berücksichtigen muß – ein zumindest für Studentenklassen ungewohnter Aspekt. Doch Shun Kondo hat das Problem gelöst und konnte in Frédéric Chopins Fantasie-Impromptu cis-Moll nicht nur glatte Läufe zeigen, sondern mit einem dynamischen Aufbau den Verlauf, vor allem das Finale gestalten.

Die Klavierklasse von Karl-Heinz Simon (ganz rechts); Photo: NMB

Nach Chopins Lässigkeit sorgte Camille Sarte mit dem Grave aus Ludwig van Beethovens Klaviersonate Opus 13, c-Moll, für eine dramatische Betonung und bewußte Schwere, der gleich noch einmal Chopin ein Gegengewicht folgen ließ – Mark Potipko verwob leichte Geläufigkeit und durchaus dramatische Aspekte, die das Scherzo Opus 54 durchziehen. Mit eleganter Linienführung und manchmal einem Lied ähnelnd, entwickelte das Werk geradezu balladeske Vorzüge.

Die Studentinnen und Studenten der Klasse sind in ganz unterschiedlichen Phasen ihres Studiums und haben nicht alle dieselben Ziele – manche wollen sich vor allem künstlerisch ausbilden lassen, manche außerdem pädagogisch. Gahyeon Joo verfolgt konsequent ihren künstlerischen Weg und hat kürzlich beim 7. Internationalen Klavierwettbewerb Recondite Armonie in Grosseto (Italien) in der Kategorie Piano Master den 2. Preis gewonnen. Eben aus Italien zurückgekehrt, sprang sie kurzfristig in die freigewordene Lücke und spielte aus The Anne Landa Préludes von Carl Wine die Nummern 1 (Short story), 2 (Filigree), 4 (Ever after ever) und 7 (Divertissement). Die »Kurzgeschichte« des ersten malte zunächst träumerische Harmonien, wuchs aber zu einem erstaunlichen Schall, das zweite Stück flimmerte mit vielen Obertönen vital wie ein Perpetuum mobile, während im dritten (bis ans Ende der Zeit) Claude Debussy der zuvor gehörten Lässigkeit Chopins seine Farben hinzuzufügen schien. Impulsiv endete der erfrischende Ausflug in die Musik des 21. Jahrhunderts.

Daß, wer »Köchel« im Namen trägt, und Klavier spielt, auch Mozart beherrschen muß, davon kann man ausgehen. Doch neben dem Köchel-Verzeichnis gibt es für Pianisten weiteres zu entdecken. Franziska Köchel schloß mit Johannes Brahms‘ erzählerischer Rhapsodie Nr. 2 quasi an Chopins Scherzo an. Danach durfte Claude Debussy seine Farben entfalten – Seoyoon Lee hatte sich aus der Suite bergamasque die ersten beiden Teile (Prélude und Menuett) vorgenommen.

Joowon Park gehörte zu jenen, die an diesem Vormittag mit mancher Salonmusik zeigten, daß sich darin neben Stimmungen und Farben immer wieder kleine Dramen abspielen können – Alexander Skrjabins Sonate fis-Moll kam den Satzbezeichnungen Drammatico und Allegretto mit großer Authentizität nach. Während Drammatico ein kleines Theater aufführte, schien das lebhafte Allegretto mit seiner vorbildlichen Artikulation ausgesprochen figurativ.

Ahhyun Lee durfte den sonnigen Vormittag musikalisch beenden und kam noch einmal auf Frédéric Chopin zurück. Seine Sonate b-Moll (Opus 35) verband die Gelassenheit des Salons (vor allem im Scherzo) mit erneut dramatischen Bezügen.

22. Juni 2026, Wolfram Quellmalz

Noch bis zum 10. Juli ist die aktuelle Ausstellung »maybe.later« von Martin Paul Mueller im Foyer der Landesärztekammer zu sehen. Im August folgt Stefan Nestler mit »MATERIAL« (Collagen und Assemblagen). Die nächste Junge Matinée gibt es am 27. September (Musikschule des Landkreises Meißen).

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