Diese Rezension ist erschien bereits einmal 2023 und ging digitalen offenbar verloren, weshalb wir sie hier noch einmal veröffentlichen. Vielleicht hat die aktuelle Sommerphase uns den Band in Erinnerung gerufen – wer weiß?
Penelope Mortimer »Bevor der letzte Zug fährt«
Ein gut situiertes Leben auf dem Lande nahe der Großstadt und ein nahendes Weihnachtsfest – alles bestens, könnte man denken, jedoch … Wären da nicht die Nachbarn der Whitings und die Statussymbole und Rituale, die der Wohlstand mit sich bringt, die man aber pflegen und vorzeigen muß – allein der Druck, Bridgepartys zu geben und beim Automodell mit der Zeit zu gehen! Alles muß vorzeigbar sein, auch die Familie, und neue Babys werden natürlich »vorgeführt«. Wenn sich dann noch der Grundsatz: »kleine Kinder, kleine Sorgen, große Kinder …« bewahrheitet …
Leseprobe:
Es war Herbst. Der lange, quälende, frustrierende Sommer war vorbei: der Sommer der nassen Socken und der von Salz und Sand versteinerten Turnschuhe; der Sommer der Gummistiefel und Monopolyrunden, der im Regen stehen gelassenen Fahrräder und des ständigen, stechenden Kaugummigeruchs; der Sommer der Unzulänglichkeit. Er begann mit Erdbeeren, die wie Juwelen aus feuchten Blättern und Strohhaufen herausgeklaubt wurden, und endete mit erbittertem Streit darüber, wer die Stangenbohnen, hart und braun wie Leder schnippeln musste. Die Kinder, der Sommer, fort.
Die Kinder sind weder aus dem Haus noch »aus dem gröbsten« raus – Angela und Julian besuchen eine gute Schule und leben im Internat, kommen nur an bestimmten Wochenenden oder zu den Feiertagen nach Haus. Auch Rex, Ruths Ehemann, bleibt unter der Woche oft in der Londoner Wohnung. Wenn er dann einmal da ist, gibt es viel zu klären. Was Ruth gemacht hat, ist dann wenig von Bedeutung. Zudem müssen Nachbarn besucht oder eingeladen werden – wirklich Zeit füreinander oder für ein ungestörtes Familienwochenende bleibt da selten.
Wir sind zwei einsame Menschen, dachte sie, wir könnten uns zumindest im Dunkeln gegenseitig trösten. Das lang gezogene, rhythmische Geräusch von Rex‘ Schnarchen setzte ein. Sie drehte sich vorsichtig um, sodass ihre Ohren bedeckt waren, und sank wie eine unsichere Schwimmerin in den Schlaf.
Angelas Freund kennen die Eltern nur flüchtig, wissen, daß er ein »Motorrad« hat – es ist eine Vespa. Doch ob Roller oder Motorrad – Ruth hat bald andere Sorgen, denn ihre Tochter eröffnet ihr, schwanger zu sein …
Das »Problem« an sich ist das eine, damit umzugehen das andere – offene Gespräche finden selbst zwischen Mutter und Tochter so gut wie nicht statt, der eigene Ehemann scheint fern, ein vertrauter Bekannter aus früheren Zeiten. Mit einer Freundin austauschen kann sich die Mutter über Angelas Schwangerschaft auf keinen Fall – eine Freundin ist gegebenenfalls doch die erste Feindin! Von Rex hält Ruth das Thema lieber fern. Sie selbst denkt allerdings fieberhaft über eine Lösung nach. Was eigentlich nur eines heißt: Abbruch. Heimlich müßte es passieren, in aller Stille und Unauffälligkeit. Ein diskreter Arzt muß gefunden werden, ein Zeitraum in der Vorweihnachtszeit, zu dem man Geschenkekäufe praktisch mit dem Eingriff verbinden könnte, ohne daß es irgend jemandem auffällt …
Ruth musterte ihn misstrauisch. Sein markantes, immer noch gut aussehendes Gesicht war entspannt. Sie konnte verstehen, warum er erfolgreich war, warum so viele Schauspielerinnen, Debütantinnen, Mütter von Debütantinnen, Mannequins und Kinderstars für ihn ihre Kostbaren Münder öffneten. Er hatte Verständnis für sie; er charmierte sie mit Sanftheit und Können. Wenn er, ohne wehzutun, in einem Zahn bohren konnte, musste er etwas von Leid verstehen. War es nicht so?
Eine verklemmte Gesellschaft, könnte der Leser von heute denken, aber Penelope Mortimer hat ihre Bilder findig verarbeitet. Sie prangert nicht an, ihr Ton bleibt geradezu salonfähig. Trotzdem treten die Defizite, vor allem in der Kommunikation, deutlich hervor. Nicht zuletzt hat die Mutter mehr Gründe als jene, die in ihrer natürlichen Rolle liegen, sich der Tochter und ihrer Belange anzunehmen.
