Im Sonderkonzert der Sächsischen Staatskapelle am Vorabend der Schostakowitsch Tage Gohrisch erklang mehr als nur Musik
Bei kaum einem Komponisten scheinen Ereignisse der Geschichte so eng mit Leben und Werk verknüpft zu sein wie bei Dmitri Schostakowitsch. Seine Musik läßt sich oft kaum als »reine Musik« hören, weil wir um Geschehnisse in Schostakowitschs Leben wissen oder weil sie in der Musik wiedergespiegelt werden. Trotzdem ist selbst dieses Bild »schief« – die Künstlerfreundschaft und die Zeit von Joseph Joachim und Johannes Brahms, die im Programmheft für den Vergleich zu Schostakowitsch und David Oistrach herangezogen wurde, war auch nicht immer ein lebensfrohes, unbelastetes Idyll.
Natürlich lohnt es, die Emotionalität, Programmatik und auch die Würde in Dmitri Schostakowitschs Werken auszuloten. Freilich braucht gerade das genaueres Maß, bessere Artikulation und vor allem: keine Übertreibung. Die Sächsische Staatskapelle gehört nun zu den Orchestern, die durch Ur- und Erstaufführungen von Werken Schostakowitschs Musik praktisch in ihrer Genealogie verankert haben – eine Tradition, die nicht nur durch eine Anzahl der Aufführungen, sondern mit Regelmäßigkeit gepflegt wird. Am Mittwoch stand in diesem Sinne das Sonderkonzert am Vorabend der Schostakowitsch Tage Gohrisch im Dresdner Kulturpalast auf dem Programm. Womit eine weitere, jüngere Tradition verbunden war, denn das Orchester wurde um Mitglieder des Gustav Mahler Jugendorchesters (GMJO), mit dem seit Jahren eine Kooperation besteht, ergänzt.

Philippe Jordan, der die Sommertournée des GMJO begleiten wird, kam »in Sachen Schostakowitsch« nach Dresden zurück. Vielleicht noch wichtiger, im Konzert zumindest auffälliger als der Dirigent, war die Solistin: Isabelle Faust steht für eine ausgefeilte Klangkultur, die Ausdruck und Authentizität deutlich über bloße Schönheit stellt. Die Vertiefung oder Genauigkeit, mit der sie sich dem Notentext zuwandte, war von Sensibilität gekennzeichnet. Natürlich könnte man das zweite Violinkonzert (cis-Moll, Opus 129) als Standard bezeichnen, was aber nicht zwingend voraussetzt, es auswendig spielen zu müssen. Isabelle Faust war der beste Beweis, daß man auch mit Noten frei und flexibel spielen und kommunizieren kann.
Der Beginn sollte sich später in ähnlicher Weise wiederholen – wie die Sinfonie Nr. 10 beginnt das Violinkonzert in dunklen Streichern, die Solovioline liegt darüber, aber nicht frei wie eine Lerche – von Anfang an lag eine dunkle, gefährlich scheinende Spannung im Konzertsaal. Fast pausenlos muß die Violine »erzählen«. Das besondere bei Isabelle Faust ist, daß ihr das noch dann, wenn die Solostimme in Bedrängnis scheint, mit Sinnlichkeit gelingt. Sie bietet nicht nur die erforderliche Klarheit der Artikulation, sondern kann mit jeden Ton- und Lagenwechsel eine feinherbe Stimmung beschwören, Betonungen schaffen, kleine Lichtpunkte oder dunkle Andeutungen setzen.
Wirklich froh und frei klingt es bei Schostakowitsch selten, und wenn doch, ist es meist gleich wieder fragwürdig. Das begeisternde liegt nicht in einer sinnlichen Apotheose oder einem scheinbar siegreichen Finale, sondern der Vitalität, der »Wehrhaftigkeit« der Solostimme, den beglückenden Dialogen mit den Orchestersoli. Bernhard Krug trug als Gast am Horn, gestopft wie frei, zu solchen Momenten bei. Aber auch das Gefüge der Streicher- oder Bläsergruppen setzte immer wieder die Szenen ins Verhältnis. So blieb das Adagio, trotz Lamento-Charakters, lebendig. Im Finalsatz gelang daher die Flucht, der Ausweg? Die auf- und abschwellenden Glissandi erinnerten an einen Luftalarm, doch der Hornruf schien endlich Freiheit zu verkünden.
Nach einer halben Stunden ununterbrochener Anspannung wählte Isabelle Faust keinen relativierenden Bach als Gegenmittel zu Schostakowitsch (was wegen dessen Bach-Verehrung gepaßt hätte), sondern eine kleine, dreihundert Jahre Kostbarkeit mit Variationen: Passaggio rotto von Nicola Matteis.
Mit der zehnten Sinfonie (e-Moll, Opus 93) fächerte Philippe Jordan die musikalischen Konflikte weiter auf – innig verbunden, manchmal im krassen Gegensatz, sich plötzlich entfernend oder überraschend übereinstimmend – als seien es die Stimmen echter oder falscher, verräterischer Freunde.
In der großen Verbundenheit und aufgeregten Masse blieben einzelne Stimmen wach, wie erneut das Horn (jetzt Jochen Ubbelohde), die Klarinette (Robert Oberaigner) als versteckte Solisten der Sinfonie oder die Flöte (Sabine Kittel) – eine Reihe, die sich über Oboe, Fagott und Englischhorn bis zum Piccolo (Dóra Varga-Andert) fortsetzte. Zwischen Marsch und Dämmerung legte Philippe Jordan viele Tageszeiten offen – ein spannungsvoller Auftakt für dei Schostakowitsch Tage Gohrisch!
25. Juni 2026, Wolfram Quellmalz