Andrea Pedrazzini an den Silbermann-Orgeln des Freiberger Doms
In der achten Abendmusik des Jahres war im Freiberger Dom Andrea Pedrazzini (Lugano) zu Gast. Sein Programm rankte um Bach, wob aber einige, teils versteckte Bezüge ein und baute eine Klangbrücke ins 20. und 21. Jahrhundert auf. Wie schon seine Kollegin Olga Minkina vor zwei Wochen wählte er sozusagen den zweiten Weg der Instrumentenerschließung: Während die meisten Organisten ihr Spiel an der kleinen Silbermann-Orgel (Opus 13 von Gottfried Silbermann) beginnen und im Verlauf der Stunde ans große Instrument (Opus 6) wechseln, ordnen andere ihr Programm so, daß die kleine Orgel im Mittelteil erklingt.
Für den Beginn hatte Andrea Pedrazzini mit Toccata, Adagio und Fuge C-Dur (BWV 564) gleich eines der größten und komplexesten Orgelwerke Johann Sebastian Bachs auf die große Orgel gebracht, das zudem die übliche Werkpaarung noch um einen dritten Teil erweitert. Dabei durfte jeder Ton in eigener Gewichtung klingen, weil der Organist den Anfangsakkord ein wenig aufdehnte, bevor die Läufe zunächst in der Melodie, dann im Baß und anschließend verbunden erklangen. Das Adagio schien dominant, offenbar aber eine gewollte Betonung und durch die Registrierung herbeigeführt. Die abschließende Toccata durfte sich dann aus jener Sanftheit steigern, die mancher im Adagio erwartet hatte.
Andrea Pedrazzini hatte zwei Choralbearbeitungen aus den Achtzehn Chorälen von verschiedener Art (»Leipziger Choräle«) ausgewählt. Zunächst »Oh Lamm Gottes, unschuldig« (BWV 656), später an der kleinen Orgel »Von Gott will ich nicht lassen« (BWV 658). Während die erste den Choral von Holzbläsern umschlossen präsentierte, fiel die zweite deutlich schlichter aus. Der Choral trat in seiner Kantabilität in beiden Fällen deutlich hervor.

Etwa 300 Jahre lagen zwischen dem Bau der beiden Orgeln und den jüngsten Werken des Abends. Doch niemand soll sagen, alte Orgeln seien für moderne Musik nicht geeignet! Interessanterweise stellten die beiden Bachs zweite Choralbearbeitung umschließenden Werke sozusagen Gegenpole dar. Beim ersten, »Pari intervallo« (gleiches Intervall) war der Urheber nach wenigen Sekunden offenbar: einzelne Töne eines harmonischen Dreiklangs über einem schwimmenden Baß, das konnte nur Arvo Pärt sein! Wie suchend, wanderten, bewegten sich die Tripel über der Begleitung durch den Raum. Philip Glass‘ pianistisches »Mad rush« (wahnsinnige Hektik) soll den Kontrast zwischen friedvoller Meditation und hektischer Betriebsamkeit verdeutlichen. Es entstand für einen Besuch des Dalai Lama. Anders als im Fall von Pärts Ruhe sorgen bei Glass – ebenso unverkennbar – kleine repetierende Muster und Cluster für stetige Bewegung und Fluß. Statt harmonischen Dreiklängen arbeitet er mit Intervallverschiebungen, Tonartwechseln, dynamischen Abstufungen und im Vergleich zum minimalen Klangraum hohen Kontrasten. Gerade diese beiden Ausflüge durch die Jahrhunderte zeigten, wie weit die Darstellungsweite und -kraft der Silbermann-Orgeln reicht.
Zurück an der großen Orgel präsentierte Andrea Pedrazzini ganz andere Klangeindrücke: Johann Sebastian Bach hatte mit seinem Vetter Johann Walther die Concerti aus den Musikbeständen seines Landesherren (Mitbringsel von Italienreisen) bearbeitet, wobei Bach Gefallen an den Werken Antonio Vivaldis und Alessandro Marcellos fand. Im Adagio aus dem Concerto per oboe von Marcello nach einer Transkription von Johann Sebastian Bach eröffnete Andrea Pedrazzini mit Registern der Holzbläser, die (statt Streicher) die Oboe noch einmal ins Zentrum rückten, bevor die Melodiestimme von der Vox Humana, kombiniert mit Schwebung, übernommen wurde, was einen besonderen, »überirdischen« Eindruck hervorbrachte.

Bachs fröhliches Präludium und die Fuge Es-Dur (BWV 552), das sogenannte »St.-Anne-Präludium« (wegen der Annenkapelle, die über den Kreuzgang mit dem Dom verbunden ist?) glitzerte vielgliedrig im Raum, die Fuge steigerte den Eindruck noch doppelt – wegen ihrer Mehrstufigkeit, aber auch wegen des hymnischen Themas. Als Abschluß durfte noch eine kantable Vox-Stimme erklingen, die Aria aus den Goldberg-Variationen.
4. Juli 2026, Wolfram Quellmalz
Nächste Abendmusik im Freiberger Dom: 9. Juli 2026 (19.30 Uhr), »Nordwind«, Domkantor Albrecht Koch, Werke von Dieterich Buxtehude, Georg Böhm, Georg Dietrich Leyding und anderen, Karten: 10,- Euro (ermäßigt: 7,- Euro), Jahreskarte: 75,-