Göttinger Abendtraum

Internationale Händelfestspiele Göttingen läßt die Frauen hochleben

Ein Kirchenraum wie ein Hörsaal – perfekt für Musik!, Photo: Internationale Händelfestspiele Göttingen, © Frank Stefan Kimmel

Nach unserem sonntäglichen Besuch von Igor Strawinskys »Die Geschichte vom Soldaten« am Deutschen Theater Göttingen wollten wir noch ein wenig mehr Festspielluft schnuppern. Am Abend ernteten die Internationale Händelfestspiele Göttingen (GHFS) sozusagen die eigenen Früchte: Im vergangenen Jahr hatte das Ensemble La Mandorle den Wettbewerb göttingen händel competition gewonnen. Damit verbunden ist nicht nur ein Preisgeld, sondern die Einladung zu den nächsten Festspielen. Victoire Delnatte (Oboe), Clotilde Sors (Violine), Camille Sors (Violoncello) und Élodie Brzustowski (Theorbe und Barockgitarre) präsentierten in der hellen, in der Architektur an einen Hörsaal erinnernden Reformierten Kirche ihr Programm »Vive les femmes!«, in dem sie auf charmante Art das Bild der Frauen und femininer Charakterzuschreibungen in der Musik hinterfragten. Dabei gelang ihnen mit vielen eigenen Arrangements der Stücke, zum Beispiel der ursprünglich für Cembalo geschriebenen Pièces caractéristiques von François Couperin oder Jean-Philippe Rameau, eine sinnige, sinnliche und heitere Annäherung, frei von Dogmen und belehrenden Deutungsversuchen, wie sie leider gerade in Mode gekommen sind.

Statt auf eine Hoheit unserer Wertungsmaßstäbe zu setzen, öffnete das Quartett die Denkräume hinter Titeln und Bezeichnungen wie »L’aimable« (Die Liebenswerte, Werk für Cembalo von Pancrace Royer) »L’intime« (Die Intime) oder »La séduisante« (Die Verführerin, beides Couperin). Vor allem aber spielten sie phantastisch und brachten die Musik von Mrs Philharmonica und Élisabeth Jacquet de La Guerre zum Leben, Lachen und Leuchten! Einerseits lag dies an einer Geschlossenheit, wie man sie eigentlich bei einem Vokal- oder Streichquartett kennt, aber nicht bei einem gemischten Ensemble, andererseits waren gerade Clotilde Sors und Victoire Delnatte zu feinsten Detailzeichnungen und Charakterunterschieden fähig. Eine so leise Oboe mit einem dennoch tragfähigen Ton hört man selten (und ist schwer zu spielen) – teilweise klang sie wie eine Oboe d’amore, dabei war es ein normales Barockinstrument!

Victoire Delnatte »sang« Händel, Photo: Internationale Händelfestspiele Göttingen, © Frank Stefan Kimmel

In der Besetzung zeigte sich La Mandorle flexibel – für Händels Arienadaption »Credete al mio dolore« (Glaubt meinem Schmerze«) erklommt »Sängerin« Victoire Delnatte die Kanzel, Couperins Pièces de clavecin für Cembalo erklangen einmal tief sinnend auf der Laute (Les charmes), danach mit melancholischen Feingefühl mit dem Duo des kantablen Cellos und der begleitenden Laute.

Clotilde Sors, Élodie Brzustowski, Camille Sors und Victoire Delnatte (von links) verzauberten mit Musik von Komponistinnen, aber auch mit musikalisch-weiblichen Attributen und deren Hinterfragung, Photo: Internationale Händelfestspiele Göttingen, © Frank Stefan Kimmel

Witz hatten die vier Damen auch, denn sie flochten nicht nur einen originalen Fandango von Santiago de Murcia und einen versteckten in Georg Friedrich Händels Sonate g-Moll (HWV 390) ein, sondern dem Programm eine weibliche, »unzeitgemäße« Zugabe an: »L’hymne á l’amour« (Hymne der Liebe) – bei weitem keine Barockmusik, sondern ein Chanson von Édith Piaf! Ein kleines Konzert als Festspielhöhepunkt – da kann man nur hoffen, daß wir nicht lang warten müssen, bis wir sie wieder einmal erleben können. »Vive les femmes?«Vive La Mandorle!

18. Mai 2026, Wolfram Quellmalz

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