Langer Celloabend mit Alisa Weilerstein im Hygienemuseum
Das Cellomania-Format der Dresdner Musikfestspiele sorgt nicht nur für eine Konzentration an Werken der Celloliteratur, sondern auch für außergewöhnliche Programmkombinationen wie gleich zwei Lange Nächte an diesem Wochenende: während am Sonnabend Antonio Vivaldi mit sechs Cellisten im Mittelpunkt steht (Martin-Luther-Kirche), wird die Lange Nacht am Sonntag im Kulturpalast wirklich lang: viereinhalb Stunden will Jan Vogler mit vierzehn Kolleginnen und Kollegen die Bühne bespielen, fängt aber auch deutlich früher an als der späte Vivaldi.
Die Spieler der beiden Nächte waren vorher oder sind im weiteren Verlauf noch als Solisten zu erleben. Alisa Weilerstein stellte am Donnerstag ihr ganz spezielles Programm »Fragments« vor, bzw. einen Ausschnitt daraus. Denn eigentlich besteht »Fragments« aus sechs je einstündigen Teilen, die um je eine der Solosuiten von Johann Sebastian Bach gebaut sind. Die Cellistin hat bei zeitgenössischen Komponisten Werke aus kurzen Sätzen mit der Bitte in Auftrag gegeben, daß sie diese Sätze vereinzeln und in der Reihenfolge beliebig mit anderen kombinieren darf. Für Dresden wählte sie aus ihrem Programm die Teile »Wonder« und »Tumult«.
Macht drei Stunden Konzert, denn zwischen den beiden je einstündigen Konzerthälften beanspruchte die Künstlerin eine ganze Stunde Pause für sich, um abzuschalten, in neue Kleidung zu schlüpfen, sich frisieren und schminken zu lassen. Viel Aufwand für ein am Ende überschaubares Resultat – nicht wenige hatten nach der Pause bereits aufgegeben, wie Lücken in den Sitzreihen verrieten.

Dabei ist das spielerische Vermögen von Alisa Weilerstein über jeden Zweifel erhaben. Kräftig gezogen, ausharrend und nachschwingend oder mit Doppeltönen wie am Beginn des Teils »Wonder« scheint sie Ausdrucksmittel beliebig einsetzen zu können. Dennoch dominierte am Ende auch ein Eindruck der Beliebigkeit.
Die Zuhörer saßen meist im Dunkeln vor einer Bühne mit Dekorationselementen, die erst tiefschwarz blieb, nur dämmerte, dann matt zwischen rot, lila, blau und türkis leuchtete. Manchmal blendeten die Bühnenlampen unangenehm ins Publikum (vor allem im zweiten Teil). Was da gespielt wurde, konnte man erahnen, erkennen – oder auch nicht. Denn die konkrete Titelfolge gab Alisa Weilerstein nicht an, nur, daß sie zunächst Johann Sebastian Bach Suite für Violoncello solo G-Dur (BWV 1007) mit neu geschriebenen Werken von Allison Loggins-Hull, Reinaldo Moya, Gili Schwarzman, Joan Tower und Chen Yi kombiniere (»Wonder«), nach der Pause folgten Bachs Suite d-Moll (BWV 1008) mit Kompositionen von Alan Fletcher, Daniel Kidane, Gity Razaz, Caroline Shaw und Ana Sokolović. Kaum ein Name war zuvor bekannt – ob einer »hängenbleiben« wird?
Anders als bei Joyce DiDonatos Show im Kulturpalast vor drei Jahren, die übertrieben bunt schien, aber den Gedanken »Eden« vermittelte, drängte sich weder für wunderbares noch für tumultartiges eine Plausibilität oder gar zwingende Entsprechung auf. Die höhere Erregung im zweiten Teil war spürbar, das schon, aber die frisierte Mähne der Cellistin und die schwarz umränderten Augen schienen eher grotesk (Regie: Elkhanah Pulitzer, Bühne und Licht: Seth Reiser, Kostüme: Molly Irelan). Immerhin blieb das Farbspiel eher unaufdringlich. Also überflüssig? Was nach Selbstinszenierung aussah, hatte nach eigenen Aussagen einen anderen Zweck, denn Alisa Weilerstein hatte sich während der Pandemie die Frage gestellt »Wie würde unser Musikerlebnis aussehen, wenn wir die Möglichkeit hätten, einfach nur zuzuhören?« Aber genau das passierte eigentlich nicht.
Die beliebige Folge glich einer Playlist, die nebenbei dudelt, eins nach dem anderen, und so lag die Gefahr nahe, gedanklich abzuschweifen, bis einen Bach plötzlich wieder zurückholte. Doch ein konkretes Gegenüber, eine Bereicherung ergab sich durch die neue Kombination nicht. Zwar konnte man bei den neuen Werken Bachbezüge hören, doch mehr als solche Fundstücke ergab sich nicht. Vielmehr schien selbst Bach etwas zu fehlen – müßte eine Courante, vor allem eine Gigue, nicht lebhafter springen? Und warum erklang das Prélude zuletzt – als Provokation? Auch das Ausklingen war oft durch den Schnitt des direkten Anschließens unterbunden. Das Mehr führte eher zu einem Minder, etwa, weil die Kontrapunktik bei Bach nicht pointiert ausgearbeitet schien.
22. Mai 2026, Wolfram Quellmalz