Vivaldi und das Cello

Spätkonzert bei den Dresdner Musikfestspielen

Was die Dresdner Musikfestspiele (DMF) »Late Night Barock« nannten, war viel mehr als ein Experiment. Wie jeder Veranstalter müssen auch die DMF ihr Angebot um bewährte Formate erweitern. Wenn man die Komponenten gut wählt und sorgsam vorgeht, gewinnt man zum Stammpublikum neues dazu und vereint verschiedene Besucherschichten. Während die Anfangszeit vieler Konzerte am Abend nach vorn gerückt ist, gingen die DMF am Sonnabend in die andere Richtung und probierten es mit einem kompakten Konzert um 21:00 Uhr in der Martin-Luther-Kirche – mit Erfolg!

Weniger Hertz, tieferer Ton, gleiche Hingabe: Hayoung Choi, Photo: Dresdner Musikfestspiele, © Oliver Killig

Das Konzert brachte im Rahmen der Cellomania fünf Solisten sowie Mitglieder des Dresdner Festspielorchesters auf die Bühne. Die Bandbreite von »Manie« reicht an sich von leidenschaftlicher Hingabe über liebenswerte »Schrullen« bis zu krankhaften Auswüchsen, doch hier galt die erste Interpretationsform, denn der Abend stellte die Hoch-Zeit des Violoncellos im Barock und einen der raffiniertesten, einfallsreichsten und genialsten Komponisten in den Mittelpunkt: Antonio Vivaldi. Vier Concerti für ein oder zwei Violoncello, Streicher und Basso continuo standen auf dem Programm, was neben dem Vergleich der Unterschiedlichkeit der Interpreten einen Einblick in die Komponierwerkstatt Vivaldis ermöglichte, zumindest dahingehend, wie er manche Effekte behandelte oder erfand.

Charmanter Beginn: Bruno Philippe und das Dresdner Festspielorchester, Photo: Dresdner Musikfestspiele, © Oliver Killig

In der Lagunenstadt Venedig lebend verbanden sich offenbar die Elemente, vor allem das feurige und das luftige, wie schon die Sinfonia für Streicher und Basso continuo B-Dur (RV 162) zeigte. Im Largo schien – Vivaldi war einer der größten Meister des Largo – das Wasserelement fließend, in sanften Wogen noch hinzuzutreten. Das Dresdner Festspielorchesters und Cembalistin Michaela Hasselt zeigten einmal mehr ihre Vielsaitigkeit. Denn mittendrin – und das war vielleicht das ungewöhnlichste an diesem Abend – stimmten alle um ein paar Hertz tiefer, denn nach zwar historisch informiert gespielten, aber mit modernen Instrumenten und Stahlsaiten präsentierten ersten Werken wurde die zweite Hälfte auf alten Instrumenten mit Darmseiten geboten. Für die Streicher kein Problem, sie hatten zwei Instrumente und Bögen dabei. Michaela Hasselt mußte dagegen binnen kurzem ihr Cembalo umstimmen – normalerweise nimmt man sich dafür wenigstens eine Stunde Zeit!

Hinreißendes Duett: Marie-Elisabeth Hecker und Christian Poltéra, Photo: Dresdner Musikfestspiele, © Oliver Killig

Doch der Einsatz wurde in jeder Hinsicht belohnt. Das Publikum bekam nicht nur die Vielfalt Vivaldis und die Individualität der Solisten vorgeführt, sondern konnte ausgiebig gewohnten und älteren Klang vergleichen – der ältere ist weicher, wärmer, leiser, im Verlauf der Tonhöhe ändert sich die Charakteristik stärker. Das war noch im Basso continuo zu spüren, der anfangs vor allem vom Cembalo getragen wurde, während sich nun Violoncello und Kontrabaß enger anschmiegten.

Begeisterungsfaktor: Zlatomir Fung, Photo: Dresdner Musikfestspiele, © Oliver Killig

Hayoung Choi, die bereits beim Moritzburg Festival zu Gast gewesen ist, hatte sich mit dem Konzert für Violoncello, Streicher und Basso continuo a-Moll (RV 419) in das Experiment mit den Darmsaiten, einem anderen Bogen und einem Cello ohne Stachel gewagt. Ihre Solostimme klang um einige rauher als die geschmeidigen Celli der Kollegen, aber ohne daß man der einen oder anderen Art einen Vorzug geben würde. Denn obwohl die Solisten alle Preisträger sind, die Intendant Jan Vogler in kurzen Moderationen vorstellte, war dies kein Wettbewerb, sondern ein bereicherndes Kennenlernen. Manche Namen waren dem Publikum bereits vor dem Konzert bekannt, andere nicht – diese wurden nun sicher notiert!

Hayoung Choi im Austausch mit Konzertmeisterin Susan Meesun Hong Coleman, Photo: Dresdner Musikfestspiele, © Oliver Killig

Bruno Philippe hatte mit seinem eleganten Ton das Concerto g-Moll (RV 416) vorgestellt und einen Abend mit viel Kantabilität eröffnet – Antonio Vivaldi hat auch viele Opern geschrieben und die Mädchen, die das Ospedale della Pietà ausbildete, wurden ebenso im Gesang unterrichtet. Kein Wunder, daß viele der Concerti etwas von Opernarien oder -duetten hatten, wie das betörende Miteinander von Marie-Elisabeth Hecker und Christian Poltéra (Concerto für 2 Violoncelli g-Moll, RV 531). Dabei stand das Orchester um kein Jota zurück, denn unter Leitung von Konzertmeisterin Susan Meesun Hong Coleman trat es mit dynamischen Schattierungen ebenso mit den Solostimmen in Wechselwirkung wie es Vivaldis Opernhaftigkeit belebte. Das wußte Zlatomir Fung (Concerto d-Moll, RV 407) zu schätzen. Mit seinem pulsierenden Vibrato war er eine der spektakulärsten Entdeckungen an diesem Abend! Wobei die fabelhafte Reihe der Solisten wie gesagt gar keine Rangfolge festlegen wollte, dafür war die Begegnung mit den fünf Celli viel zu wertvoll.

Das Dresdner Festspielorchester rundete mit Sinfonie von Antonio Vivaldi, deren letzte beiden auch in tiefen 415 Hz erklangen, den Abend ab. Glücklicherweise kann man sie alle im Rahmen der DMF noch in diesem Jahr Wiederhören!

24. Mai 2026, Wolfram Quellmalz

Hinterlasse einen Kommentar