Subtile Klangpracht: neues Bach-Programm von Martin Stadtfeld im Konzert

Ob es wohl an diesem besonderen Ort liegt, daß man hier die glücklichsten Konzerte erleben kann? In der Unterkirche der Dresdner Frauenkirche, wo schon während des Wiederaufbaus die ersten Andachten und Konzerte stattfanden, kann man auch heute noch besondere Formate und Künstler erleben. Am 2. Oktober war hier Martin Stadtfeld zu Gast, der unter anderem eigene Bearbeitungen der Orgelwerke Johann Sebastian Bachs präsentierte, die auch auf seiner eben erschienenen CD zu hören sind.

Bereits im August konnten die Besucher des Moritzburg Festivals einen Einblick in diese Stücke erhören, als Martin Stadtfeld im Rahmen eines Portraitkonzertes einen kleinen Teil daraus vorstellte. Am Donnerstag vor dem Feiertag nun war es ein ganzes Programm, welches vor allem Werke, die zwischen 1703 und 1708 entstanden sind, also der Zeit, die Bach als Organist in Arnstadt und Mühlhausen verbracht hat, enthielt.

Nun sind natürlich das Werk und der Komponist über den nachschöpfenden Interpreten zu stellen (was heute manchmal vergessen wird), doch würde Musik ohne diesen nachschöpfenden Moment nicht wiederentstehen und damit zu existieren aufhören. Martin Stadtfeld ist einer jener Künstler, welche diesen Moment mit am staunenswertesten zu gestalten vermögen. Einerseits beeindruckend, welch chromatische, farbenprächtigste Szenerien er zu gestalten vermag, hat er auch seinen Weg gefunden, dem Werk (s)eine persönliche Aussage, seine innere Stimme, zu verleihen und keinen künstlich Glanz zu polieren. Diesmal war es nicht einfach ein Klavier, vielmehr eine kleine Steinway-Orgel, welche das Gewölbe der Frauenkirchen-Unterkirche mit Klang erfüllte.

Als Einstimmung hatte Martin Stadtfeld ein Choralvorspiel ausgesucht, sich jedoch nicht für das auf der CD enthaltenen »Wie schön leuchtet der Morgenstern«, sondern für »O Mensch, bewein dein‘ Sünde groß« entschieden. Dies war das einzige Stück des Abends, an dem die Balance der Stimmen noch nicht ganz hergestellt war, doch schon mit der Toccata fis-Moll (BWV 910) stellte sich die Stadtfeld-Magie ein. Die gesamte dynamische Palette des Instrumentes ausnutzend, scheute sich der Pianist einerseits nicht, scharfe Kontraste zu zeichnen und sich weit in große, großartige Klanggebilde vorzuwagen, verlor sich andererseits aber nie im Getöse und blieb stets subtil in seiner Interpretation. Auch auf dem höchsten Klanggipfel gab es immer noch eine handbreit Abstand zum Himmel und jedes Mal führte Stadtfeld das Werk zurück in ruhige, kontemplative, meditative Abschnitte. Am faszinierendsten gelang die vielleicht in der abschließenden Passacaglia und Fuge c-Moll (BWV 582). Hier entfaltete Martin Stadtfeld die ganze Orgel-Macht auf dem Flügel, versenkte sich aber auch bis in kleinste und feinste Schattierungen. Fugen gehören nicht nur zu den Meisterwerken Johann Sebastian Bachs, sie waren es auch in diesem Konzert! Das vielleicht effektvollste Stück war denn auch Toccata und Fuge d-Moll (BWV 565). Eines der berühmtesten Werke der Orgelliteratur neu hören? – Mit Martin Stadtfeld auf dem Klavier.

Auch dramaturgisch ausgewogen war das Konzert, denn es gab mit dem Capriccio B-Dur (BWV 992) und der Französischen Ouvertüre h-Moll (BWV 831, das einzige »spätere«, wahrscheinlich Anfang der 1730er Jahre entstandene Stück) zwei feingliedrige Werke, die ins Übungs- und Studierzimmer Johann Sebastian Bachs und an dessen Cembalo zu führen schienen. Andacht, Stille und zu Herzen gehende Musik – ein ergreifender Dreiklang an diesem Ort. Das rechte Maß war kennzeichnend für den gesamten Abend, und so verharrte das Publikum und applaudierte auch zwischen den Stücken nicht, wenn sich der Pianist nicht für eine kurze Unterbrechung erhob. So verklang auch die Französische Ouvertüre inniglich und mit einem vielfachen Echo in Stille.

Und auch bei der Zugabe blieb sich Martin Stadtfeld treu und suchte kein »Sahnehäubchen«, keinen »Rausschmeißer«, sondern setzte den Originalwerken Bachs das eines Komponisten gegenüber, der sich mit der Musik des Thomaskantors explizit auseinandergesetzt hat und in seiner Zeit daraus schöpferischen Nutzen zog. Aber nicht nur, denn in der 1829, ’30 und ’34 geschriebenen und überarbeiteten Toccata op. 7 bezieht sich Robert Schumann nun gerade weniger auf Bach. Eigentlich in C-Dur geschrieben, changiert das Werk zwischen den Tonarten und ist ein früher Geniestreich Schumanns. Sie finden Fugen, Toccaten oder Passacaglien »alt«? Sie waren nie lebendiger!

3. Oktober 2014, Wolfram Quellmalz

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