Moskau ist auch keine Lösung!

Den ersten Schreck bekam man schon vor dem Betreten des Theaters, als ein Schuß fiel. Doch – gottlob – nur aus einem Lausprecher. Er war Teil der Installation »Double shooting« des libanesischen Künstlers Rabih Mroué unter den Arkaden des Staatsschauspieles und zeigte die Bilderfolge eines im Internet gefundenen Filmes, in dem mit einer Kamera ein Scharfschütze gefilmt wird, der erscheint, zielt, schießt und trifft – den Photographen. Die Bilder wurden in Syrien aufgenommen und waren Teil einer Ausstellung zum 25. Jahresjubiläum der friedlichen Revolution in Deutschland.

Drinnen. Karoly Risz hat eine Bühne geschaffen, die nichts enthält, was illustrativ wäre. So konzentriert sich alles auf die agierenden Schauspieler in zeitlich unbestimmbaren Kostümen von Susanne Uhl: Jeans, enge Oberteile, Cocktailkleider und Uniformen, die wie überzogene Nachempfindungen aus der Ursprungszeit des Stückes aussehen. Requisiten gibt es kaum, aber eine riesige Papierbespannung, die zunächst Boden und Rückseite des Spielraumes bedeckt und im Wind flattert. Olga, Mascha und Irina stehen hier und schauen in die Ferne, den ziehenden Wolken nach? »Wolken ziehen vorüber«? Doch der erzwungene Neuanfang von Menschen nach einem Zusammenbruch des Systems oder Lebens- und Arbeitsumfeldes, den Regisseur Aki Kaurismäki in seinem Film nachzeichnet, steht den drei Schwestern noch bevor. Sphärische Klänge und Glöckchen unterstreichen zunächst Gedanken des Träumens, des Fernträumens und Zukunftsträumens, womit Regisseur Tilmann Köhler zu Beginn ein greifbares Bild gelingt, das den Zuschauer sofort aus seiner Gedankenwelt (was auch immer dies gewesen sein mag) mit zu den Prosorows nimmt. Nicht zu allen Prosorows, sondern vor allem zu den drei Schwestern Olga, Mascha und Irina. Um sie dreht es sich hier, nur um sie, auch wenn es viele andere Nebenhauptrollen gibt. Ina Piontek, Yohanna Schwertfeger und Lea Ruckpaul sind diese Schwestern. Sie sind Schwestern, die – im einzelnen ganz unterschiedlich – immer eng verbunden sind, in Streit und Freude, die sich gegenseitig das Beste wünschen und nicht mißgünstig zueinander sind, die sich aber auch nicht kennen und nicht verstehen. Der (kleine) Bruder Andrej (Thomas Braungardt) scheint ihnen fremd – ein Fremdkörper im Stück und in der Familie.

Von diesen Geschwistern, allesamt konturiert und glaubhaft »getroffen«, lebt der Abend maßgeblich, und das ist gut so, denn es gibt (wieder) allerlei, was man nicht braucht. Musik zum Beispiel, ständig fast. Werden denn am Dresdner Staatsschauspiel keine Stücke mehr ohne »Band« inszeniert? Das ewige Geklimper, Gezupfe und Geklingel stört, nein, es nervt einfach und schafft vor allem Unruhe. Ruhe dagegen, Stille, gibt es nur in ganz wenigen Momenten des Stückes, was insofern schade ist, weil das gesprochene Wort damit nicht zur Geltung kommen kann. Leise geäußerte Zweifel oder Geständnisse sind so selten, daß man sie an den Fingern einer Hand abzählen kann. Statt dessen stehen die Schauspieler oft am Bühnenrand und brüllen ins Publikum. Wollen sie es aufwecken? Hält Tilmann Köhler sein Publikum für dumm und verschlafen, daß es das Stück ohne sinnesunterstützende akustische Hinweise nicht versteht und daß es zu keiner Aufmerksamkeit und Reflexion fähig wäre? Viele der Schauspieler, die gerade nicht an der Szene beteiligt sind, sitzen in der ersten Reihe des Parketts, gehen über die Seitentreppen ab und kommen zurück. Das hebt zwar die Trennung von Schauspiel (Fiktion) und Publikum (Realität) auf bzw. mindert sie, wirkt aber gekünstelt und gewollt.

Die papierne Bespannung wird schnell zur vielfältigen Projektionsfläche bzw. zum Projektions- und Imaginationsobjekt. Zudem ist sie der Interaktionspunkt, mit dem jeder der Schauspieler etwas anfängt und wandelt sich beständig. Zunächst werden – es ist der Namenstag Irinas, am gleichen Tag vor einem Jahr starb der Vater – während Irinas Festes die Schatten der Anwesenden darauf gemalt, und mit mancherlei Ornamenten und Symbolen, Kreisen und Schlaufen ausgeschmückt. Bis dann mit dem Oberstleutnant Werschinin (Matthias Reichwald) der Fortgang unterbrochen wird. Werschinin, ein alter Freund der Familie, taucht unvermutet auf, zerfetzt den Papiervorhang und es beginnt eine Kette von Ereignissen, die zu Liebe und Katastrophe führen könnten, oder auch nach – Moskau. Nach Moskau, danach, zurückzugehen, sehnen sich die drei Schwestern von Anbeginn und schaffen es doch nicht. Statt dessen verschieben sie (be)ständig ihre Pläne, wann sie nun dahin zurückkehren wollen. In ein paar Monaten, im kommenden Sommer, im Frühjahr… Unterdes geraten Werschinin und Mascha in eine Beziehung, die beiden Liebe zu versprechen scheint, verspielt Andrej nicht nur sein Geld und das der Familie, sondern verliert auch sein Ziel – welches ihm maßgeblich von den Schwestern vorgezeichnet wurde – Professor an der Moskauer Universität zu werden, aus den Augen. Statt dessen wird er erst Sekretär und dann Mitglied des Kreiskomitees, welches von dem alles beherrschenden und nie im Stück auftauchenden Protopopow geführt wird. Das Haus, die Familie, verliert an Substanz, an Willen, an Zielen. Ein Moment zur Änderung wird sich erst zum Schluß ergeben, wenn sich Soljonyj (Kilian Land) und Graf Tusenbach (Jonas Friedrich Leonhardi) duelliert haben. Bis dahin wird der durchstoßene Papierbehang noch heruntergerissen und zerfetzt und in immer neuen Haufen umgeformt und aufgetürmt, ist Haus, Tisch oder Bett. Natalja, Andrejs Frau, wird ihn am Ende zur Seite schieben, um etwas neues zu beginnen, doch ist fraglich, ob sie mehr zerstört als schöpft…

Die schauspielerische Leistung des Ensembles kann zum Glück einiges gegen die allzu gewollte Effekte der Inszenierung ausrichten. Da sind zunächst die drei Schwestern. Ina Pionteks Olga gibt sich in ihr Schicksal, scheint ihm aber auch dankbar zu sein dafür, daß es ihr die Last, selbst zu entscheiden, abgenommen hat. Direktorin zu werden war weder Wunsch noch Traum. Nun ist sie es eben – hm. Was ihr fehlt, ist ein Ehemann, doch nur einmal läßt sie uns so tief ins Herz blicken und flüchtet statt dessen lieber ins banale oder überträgt ihre Träume auf die Schwestern. Ina Piontek gibt der Rolle viel verstecktes, was sich hinter einem »gesunden« Pragmatismus verbergen muß. Die große Schwester hat ja auch Verantwortung. Mascha dagegen tanzt hier etwas aus der Reihe. Sie liest und träumt und raucht fast pausenlos (Was eigentlich? Gras?), doch die Inszenierung nimmt ihr ihren Satz (»An einem Meeresstrand ein grüner Eichbaum stand«) und versteckt diesen in einem französischen Chanson, das Mascha singen muß. Der Figur kommen die nachdenklichen, suchenden Eigenschaften abhanden. Gerade darin und im geistigen und sinnlichen Unbefriedigtsein liegen aber auch die Gründe, später mit Werschinin ein Verhältnis zu beginnen. Sie fehlen hier. Maschas Ehemann Fjodor (Holger Hübner), ein gebildeter Lehrer, verliert sich in lateinischen Lehrsätzen (oder Leersätzen?), spricht aber auch vom »einzigsten« (als Lehrer sollte er das besser wissen). Er ist schlicht und verliert sich in banalen Witzeleien – ein Selbstschutz, denn auch er ist zwar fähig, zu erkennen, aber unfähig, sich zu bekennen. Diesen Mangel empfindet er wohl selbst, und so sind ihm einige hellsichtige Momente beschert, nur kann er eines nicht: damit umgehen. Oder seine Frau umarmen, lieben. Yohanna Schwertfeger gibt Mascha ungewöhnlich zynisch, rauh und launisch. Sie ist verletzend und verletzlich, doch was an ihr Werschinin betören kann, bleibt auf der Bühne weitestgehend verborgen.

Lea Ruckpaul – die kleine Irina, das Nesthäkchen. Sie (Irina) geht in ihrer Rolle auf: das hübsche, aufgeweckte Mädchen voller Ideen, um das sich die Männer bewerben. Aber inkonsequent wie alle. Jonas Friedrich Leonhardi ist als Graf Tusenbach etwas zu hübsch und zu sehr Schwiegermutterliebling, als daß man ihm den »häßlichen« Grafen ganz abnähme, den zu erhören sich Irina überwinden muß. Im Gegenteil: gerade so hübsch und gefällig – ist man geneigt zu unterstellen – müßte er den Geschmack Irinas doch treffen. Doch ist auch ihm kein Glück beschieden. Er fällt im Duell – am Vortage der Hochzeit.

So bringen die Ereignisse die Handlung Immer wieder zum Stillstand (die Inszenierung aber leider nie zum Still-Stand). Nämlich dann, wenn man sich bekennen müßte, wenn eine Abweichung vom Wege anstünde, wenn man sich ausspricht. Albrecht Goette gibt als Militärarzt Iwan Romanowitsch nicht nur den alten unfähigen Säufer, für den ihn die anderen halten. Romanowitsch zerbricht vielmehr an seinen Erlebnissen im Krieg und mit dem Tod und an seiner unerfüllten Liebe zur Mutter der drei Schwestern. Und so ist der »alte unfähige Säufer« auch als einziger zu Bekenntnissen und Geständnissen fähig. Die Zeitung und die Meldungen darin sind sein Schutzschild, denn was die Zeitung schreibt, ist die Wahrheit, und wer das vorliest, sagt die Wahrheit. Das enthebt auch ihn der Pflicht, eine eigene Meinung zu haben und Stellung zu beziehen. Ferapont, der alte Bote, tut es ihm gleich und überbrückt die vielen peinlichen Pausen oder Momente, in denen andere nicht tun, was sie tun müßten, mit Anekdoten und Geschichtchen, die er von anderen gehört hat. Diese beiden Figuren geben dem Stück und der Inszenierung lichte Momente. Thomas Braungardt zeichnet Andrej äußerlich bunt, aber eben menschlich um so farbloser. Den sich widersprechenden Wünschen und Ansprüchen der Schwestern und seiner Frau ausgeliefert, die eigenen vergessend und verdrängend, fehlt es ihm an Durchsetzungsvermögen jeglicher Art. Wieso hat er diese rohe naive Proletin Natalja (Antje Trautmann) eigentlich geheiratet? Hat er sein Schicksal gewählt, um von weiteren Entscheidungen und Kämpfen entbunden zu werden?

Die Protagonisten Tschechows, und das wird im Schauspielhaus besonders deutlich – können vor allem eines nicht: einander zuhören. Lieber weichen sie aus oder befriedigen ihren Egoismus, keiner tut, was notwendig wäre (es gibt nicht einmal Tee). Auch Gewalt und Verzweiflung sind latent spürbar. Alles leichte, unbeschwerte, ist nur gespielt, ist Fassade.

Unfähig, sein Schicksal in die Hand zu nehmen, unfähig dazu, sich zu ändern, etwas zu tun, auszubrechen? Tschechow wollte uns in einer heiteren Komödie (K. S. Stanislawskij) diese Unfähigkeit des russischen Adels und des Militär vor einem Wendepunkt vorführen. Daß sich das Publikum über Szenen amüsiert, die es nicht versteht, war wohl nicht sein Sinn, passiert aber in dieser Inszenierung.

Sinnsuche, viel Anregendes enthält der Abend, ist aber auch überfüllt mit Geräuschen und Geschrei. Draußen, beim Verlassen des Hauses, fiel ein Schuß. Doch – gottlob – nur aus einem Lausprecher. Soviel Lärm, da möchte man fliehen – nur: wohin? In Moskau ist es auch nicht ruhiger.

Das Theater ist ein Platz der Unterhaltung, aber nicht nur das. Vielmehr auch ein Platz der Auseinandersetzung. Mit der Vergangenheit, mit der Gegenwart, mit der Zukunft, mit uns. Deshalb sei hier noch einmal Gidon Kremer zitiert, der anläßlich seines Abends »Mein Rußland«, nur wenige Meter entfernt in der Semperoper, daran erinnerte, daß Auseinandersetzung eine wichtige Grundlage sei, bessere Entscheidungen zu treffen. Und: Wir sollten niemals gleichgültig zu werden.

10. Oktober 2014, Wolfram Quellmalz

Nächste Aufführungen: 14. und 26. Oktober, 3. und 21. November, 3. und 28. Dezember sowie weitere Termine 2015

Unser Artikel zu Gidon Kremers Abend »Mein Rußland«: https://neuemusikalischeblaetter.wordpress.com/2014/09/19/vor-beginn-der-schostakowitsch-tage-gohrisch-gidon-kremer-und-die-kremerata-baltica-in-der-semperoper/

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