Junge Meister der Klassik: Peter Naryshkin im Cosel-Palais

Die Pianistenlaufbahn ist einsam, hart die Auswahl, zumal – im Gegensatz zu den meisten anderen Instrumenten – die Möglichkeit, Mitglied eines Orchesters zu werden, praktisch nicht besteht. Gut sein genügt da nicht, sehr gut sein in der Regel ebensowenig. Man muß schon herausragen, um diesen Weg einschlagen zu können.

Aus den aktuellen Jahrgängen der Klavierstudenten ragt Peter Naryshkin in der Tat heraus. Schon mehrfach hat er mit einem berückenden Spiel sein Publikum gefangengenommen, mit schlüssigen Interpretationen beeindruckt. Eine saubere Technik ist da beinahe schon Nebensache – man hat sie oder man hat sie nicht. Ausgewogen in der Gestaltung, im Spiel von Melodie und Begleitung, in den Stimmen der rechten und linken Hand, verzichtet er ebenso darauf, Effekte herauszustreichen wie auf übertriebene Mimik oder große Gesten. Beinahe ist es, als träte der Pianist in den Hintergrund; er überläßt die Bühne der Musik, dem Werk des Komponisten. Das reduziert sein Spiel auf das wesentliche, läßt es neu erstehen und leben.

Am Freitag war Peter Naryshkin erneut bei der im Pianosalon Kirsten gastierenden Konzertreihe »Junge Meister der Klassik« zu erleben. Auch hier betrat der junge Künstler die Bühne und begann sein Spiel ohne »Anlauf«, ohne langes Warten, Zögern, Richten des Klavierhockers. Wozu auch? Peter Naryshkin ist vorbereitet, hat etwas zu sagen, zu vermitteln, beizutragen. Wenn er ein Werk im Konzert spielt, scheint er es verstanden, durchdrungen zu haben und kann seinen Zuhörern etwas bieten. Bach zum Beispiel, dessen erste Partita perlt und leuchtet, oder – gleich im Anschluß – Peter Tschaikowsky. Schon bei Bach fällt diese Gesanglichkeit auf, die im Baß ebenso steckt wie in der Melodie. Peter Naryshkin dosiert das Pedal sehr fein, baut die abschließende zweistimmige Gigue aus den vorangegangenen Sätzen auf. Und dann – ein Wimpernschlag, und man ist in einer vollkommen anderen Welt. Nach der Leichtfüßigkeit und Durchdachtheit Bachs nun zwei schwerblütige, rhapsodische Erzählungen Tschaikowskys: die »Polka de Salon« op. 9 und den »Chant élégiaque« op. 72. Auch das zeichnet einen Meisterpianisten aus: er kann auf dem gleichen Flügel den Klang ganz unterschiedlicher Instrumente erzeugen. Bei Tschaikowsky ist es ein altes, schweres Klavier, ein Hauch russischer Folklore strömt durch den Raum. Wellen plätschern – war es die Newa, der Dnjepr oder die Moskwa?

Und noch einen Umschwung gab es vor der Pause, nun zu Chopin. Seine Polonaise As-Dur op. 53 und die Barcarolle Fis-Dur op. 60 sind bei Peter Naryshkin leichtfüßig, leidenschaftlich, balladesk, durchdacht. Beeindruckend vor allem die Gesanglichkeit der Barcarolle.

Nach der Pause dann das – zumindest der Spieldauer nach – weitgreifendste Werk des Abends: Franz Liszts Sonate h-Moll. Gerade hier zeigt sich, wie wichtig es ist, nicht nur die beeindruckenden Effekte und Virtuoseneckchen herauszupolieren, sondern einen Spannungsbogen über das ganze Werk zu legen. Liszt kommt nicht zur Ruhe wie Bach oder Chopin. Selbst wenn die Musik bei ihm abebbt, treibt sie an, lebendig, vorwärtsdrängend, dann erhebt sich wieder ein Sturm. Peter Naryshkin spielt ohne einen einzigen Bruch, gestaltet die Sonate fließend, von Passage zu Passage, damit gerät sie wie aus einem Guß – eben in einem Satz. Das erlebt man selbst bei den etablierten Stars nicht immer, erst recht nicht immer mit so viel Feinheit. Allein der Schluß – Peter Naryshkin donnert ihn nicht hin, wirft ihn nicht vors Publikum, die Sonate verhaucht, als wäre sie Liszts letztes göttliches Wort…

Ein letztes Wort (Stück) konnte das nicht gewesen sein. Mit Chopins Ètude Nr. 1 aus opus 10 verabschiedet sich der Pianist berauschend, ach, wie schade, wenigstens noch eine Zugabe hätte man sich da gewünscht, vielleicht noch ein Siziliano von Bach… …vielleicht das nächste Mal?

14. März 2015, Wolfram Quellmalz

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