h-Moll-Messe am Ostermontag

Collegium 1704 und Collegium Vocale 1704

Im vorletzten Jahr hatte das Prager Barockensemble Johann Sebastian Bachs bedeutende h-Moll-Messe in Prag aufgenommen, jetzt, zum zehnjährigen Jubiläum der Musikbrücke Prag-Dresden, kam sie in der Dresdner Annenkirche erneut zur Aufführung. Mit großem Chor, großem Orchester und sechs Solisten war es vielleicht die größte Anzahl an Mitwirkenden in der Konzertreihe seit Bestehen – bei so vielen Streichern mußten die Holzbläser diesmal nach rechts ausweichen. Dem Klang tat dies keinen Abbruch, wunderbar weich und farbenreich gestaltete Václav Luks die Messe, prächtig erklangen die Trompeten, weich und innig die Oboen und Flöten, und die Gestaltung des Basso continuos ging weit über das schlichte Begleiten hinaus. Gerade im Gloria und im Cruzifixus wurde er durchdringend, aber auch das ohne Streicher vorgetragene Et in Spiritum Sanctum – mit Jaromír Nossek (Baß), den Oboen und Flöten begleiteten, war eine Offenbarung.

Bachs Werk ist bis heute nicht eindeutig zugeordnet, was Anlaß, Auftrag und Entstehung angeht. Als Vermächtnis wird es gesehen, Bezüge zur Dresdner und Leipziger Musikgeschichte lassen sich finden. Prachtvolle Passagen der Blechbläser wechseln mit innigen der Holzbläser, alles schwebt über einem großen Streicherapparat, dazu ein Chor (ab dem an dritten Stelle stehenden Sancuts doppelchörig) und Gesangssolisten. Das Prager Barockorchester spielte das Werk ohrenschmeichelnd schön, aber auch erregend, packend.

Zügig, lebhaft war diese h-Moll-Messe, doch im Gegensatz zur noch geschwinderen Aufnahme wirkte dies niemals übereilt. Gerade der durchgängige »Fluß« war es, der für Authentizität sorgte. Gestützt auf das Collegium konnten sich die Solistensänger (auch Delia Agúndez, Dora Pavlíková, Kamila Mazalová und Václav Čižek) wunderbar entfalten. Vor allem Alena Hellerová bezauberte hier erneut (ihr seien von dieser Stelle die besten Wünsche, auch für den Nachwuchs, übermittelt). Doch auch der Chor und die Chorsolisten sangen ausgewogen, in hervorragender Harmonie und Polyphonie. Dazu gab es wechselweise anrührender Holzbläsersoli sowie samtig strahlende Blechbläser – hier sei besonders Erwin Wieringa hervorgehoben, der seinem Horn durch perfekte Stopftechnik auch Laute neben der Naturtonreihe entlockte.

Und dennoch war es gerade das Gesamtkunstwerk, was hier wirkte, das nicht von Solo zu Solo eilte oder zwischen dramatisch überspitzten Höhepunkten und Ruhepausen wandelte. Musikalische Zäsuren, etwa vor dem Et incarnatus est oder dem abschließenden Dona nobis pacem, galten der Beruhigung, nahmen dem Werk aber nicht die Spannung und erhielten die Aufmerksamkeit der Zuhörer. Trotz der kleinen Unterbrechung nach dem ersten Teil, auch dem Nachstimmen gewidmet, erklang die h-Moll-Messe in einem Guß und damit noch überzeugender als auf der CD – trotz der noch prominenteren Solisten dort.

Zum Abschluß erhob sich noch einmal das Dona nobis pacem als Zugabe in den Raum der Annenkirche.

7. April 2015, Wolfram Quellmalz

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