Nicht Schreie – Worte

Jubiläumskonzert zum 65-jährigen Bestehen des Universitätschores Dresden in der Versöhnungskirche

Drei Wochen nach »Die Stimme des Kindes« hatte sich der Universitätschor Dresden »Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn« als Titel des Programmes gewählt. Plakat und Programmheft zeigen auch ein schreiendes Gesicht, es ist schmerzvoll verzerrt, verzweifelt. Läßt man dies außer acht und besinnt sich auf die Worte allein, entsprechen diese auch einer inneren, stillen Frage. Der Frage nach der eigenen Orientierung, nach Verankerung, Zusammenhalt. In Worte gefaßte Gedanken stellten einen Schwerpunkt der Werke des Konzertes dar. Drei davon – allen voran Alexander Keuks zu diesem Anlaß uraufgeführtes Auftragswerk »Statements«, betonten als Vertonungen von Texten und Gedichten den Wortbezug besonders.

Die Grundfrage der ausgewählten Texte galt der Endlichkeit des Daseins, der Vergänglichkeit alles Irdischen, aber auch dem Wohin, der Suche nach Trost. Engel sind für Lebende und Tote gleichermaßen da und versetzten uns – so man ihnen tatsächlich begegnete – eher in Schrecken, als daß sie Trost spendeten. Diesen Gedanken hatte schon Rilke in seinen »Duineser Elegien« aufgegriffen. Einojuhani Rautavaara, einer der bedeutendsten zeitgenössischen Komponisten Finnlands, hatte sich 1993 erneut mit Rilke-Texten befaßt und die erste dieser Elegien (deren Beginn der Programmtitel entstammt) vertont. Rautavaaras Sprache ist hell und klar, ganz der Melodie hingegeben, obwohl das Werk den Gesetzen der Zwölftonmusik folgt. Frauen- und Männerstimmen ergänzen einander in den Melodiefolgen, schaffen klangliche Gegengewichte zueinander oder zu im Text enthaltenen Symbolen wie »das Schöne«, »schrecklich« und »Baum am Abhang«. Der Universitätschor unter Leiterin Christiane Büttig gestaltete das a-capella-Werk expressiv und schärfte die Gegensätze von Schatten und Licht, mit »tröstet und hilft« fand es einen verheißenden Schluß.

Francis Poulencs »Litanies à la Vierge Noire« (die Litanei an die schwarze Jungfrau) ist unter dem Eindruck des Unfalltodes Pierre Octave Ferrouds entstanden. Ferroud war ein enger Freund Poulencs, der von dessen Todesnachricht tief betroffen gewesen ist. Letztendlich führte das Ereignis zu einer Umkehr in Poulencs Leben und zur Wiederhinwendung an den katholischen Glauben, aber auch zur Komposition der »Litanies«. Über weite Strecken ist es eine Bitt-Litanei, doch vermischen sich in Text und Klang auch Klage, Angst und Gebet. Jeweils dreifach werden »Königin«, »Unsere liebe Frau« und »Lamm Gottes« angerufen, wiederum ausdrucksstark und mit satten Farben vom Chor interpretiert, der nun von der Sinfonietta Dresden unterstützt wurde. Die Instrumentalisten hatten, vor allem zu Beginn, nicht für die Melodie, sondern für klangliche Effekte sorgen, bevor sich Sänger und Orchester am Schluß sanft mischen. Trotz Fremdsprachen (Lateinisch, Französisch und Englisch diesmal) blieb der Universitätschor stets klar in der Aussprache.

Im Mittelpunkt des Abends stand Alexander Keuks »Statements«, ein Werk, daß er für diesen Chor und für dieses Konzert geschrieben hat. Ein Text Charles Dickens‘ (»A Tale of two Cities« / »Eine Geschichte aus zwei Städten«) war Ausgangspunkt für das Werk, dem der Komponist aber noch andere voransetzte. Auch er griff Rilke auf, setzte ihm jedoch mit Fernando Pessoa und Jakob von Hoddis zwei ganz unterschiedliche Autoren gegenüber. Während Rilke und Pessoa, deren Texte Keuk in der ersten Strophe zusammenführt, Diesseits und Jenseits ganz unterschiedlich beleuchten, nimmt Jakob von Hoddis in »Andante« den Gedanken die Schwere, verschiebt den Akzent vom inhaltlichen Gehalt auf das Spiel mit den Worten. Alexander Keuk läßt die Männer zunächst (aus dem Vorraum) singen, schließt die gregorianische Tradition ein, fügt aber mit den Strophen und Sichtweisen der beiden Dichter neue Elemente hinzu, auch Sprechgesang, der Frauenchor entschleunigt den Text unendlich langsam, der Männerchor erzählt deklamierend. Ganz klar: die Musik steht hier im Dienst des Wortes, streicht solche heraus oder stellt sie in Frage. »Warum?« und »scheinbar« werden elementar. Im Mittelpunkt dabei ist der Chor, mit Glöckchen ausgestattet im ersten Teil und wiederum a-capella im zweiten. Schön: Fluß und Witz des Gedichtes von Hoddis‘ bleiben durch das Werk erhalten oder werden gar betont, wie in einem melismatisch gedehnten »frohem« (Vereine – der Chor?). Mit Dickens‘ die Gegensätzlichkeit der Subjekte (Zeiten, Epochen, Ziele) aufgreifenden Text läßt Keuk Universitätschor und Sinfonietta verschmelzen, verzerrt und verschleift Töne, gestaltet die Gegensätze und schafft zu Licht und Dunkelheit das Chaos des Aufruhrs. Bei Hoffnung und Verzweiflung finden die Stimmen wieder aus dem Chaos heraus. Orgel, Harfe und Schlagwerk bilden einen dramaturgisch-harmonischen Hintergrund, schaffen aber keine verklärten Welten – auch hier bewies Christiane Büttig Augen- und Ohrenmaß. Nicht allein die Betonung des Wortes, auch die Transparenz der Botschaft, eines Hintersinns, konnten Chor und Sinfonietta vermitteln.

Von den vorangegangenen Werken, am stärksten von »Statements« abweichend, war das abschließende »Requiem« Maurice Duruflés. Die französische Tradition dieser Werke aufgreifend (und auf ein Dies Irae verzichtend) hat der Komponist 1961 ein chorsinfonisches Werk geschaffen, welches dem Klang gegenüber dem Wort klar den Vorrang einräumt. Auch hier finden wir einen Rückgriff auf die Gregorianik, doch gestaltet Duruflé mit satten, üppigen Farben, süffig und geradezu betörend vorgetragen. Mit Mezzosopranistin Britta Schwarz als Solistin hatte der Chor eine innige Anruferin im »Pie Jesu« gefunden. Mit bestens präparierten Blechbläsern konnte sich das Werk geradezu prachtvoll entfalten. Dabei will auch Duruflé den Zuhörer nicht benebeln, im Gegenteil scheint er mitunter mit Bekenntnis und Ironie zu spielen. Das in den Teilen weggelassene »Dies Irae« findet sich im Text des »Libera me« wieder – hier wird die Musik – zum einzigen Mal in diesem Konzert – zum Schrei.

Trotz enormer Sommerhitze hatten sich sehr viele Besucher in der Versöhnungskirche eingefunden. Von sommerlicher Ermattung war auf keiner Seite etwas zu spüren, so gab es begeisterten Applaus für die Musiker und auch das uraufgeführte Werk.

5. Juli 2015, Wolfram Quellmalz

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