Mozart – Le nozze di Figaro

Letzte Neuinszenierung der Spielzeit 2014 / 2015 an der Semperoper

In Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais‘ Stück geht es um Treue und Untreue, das Recht der ersten Nacht, aber auch um gräfliche Gnaden und Diener sowie deren Stände – in der Zeit der Aufklärung enthielt es – vor allem in Beaumarchais‘ Schauspiel-Fassung – reichlich Sprengstoff, wurde sogar verboten. In der Fassung von Wolfgang Amadeus Mozart und Lorenzo Da Ponte durfte es jedoch die Opernbühnen stürmen.

Inhalt

Im Mittelpunkt stehen die Paare Graf Almaviva / Gräfin und Figaro / Susanna. Auf diese konzentriert sich die Handlung, welche bei Beaumarchais noch etwas reichhaltiger und verflochtener ist. (Dafür verliert sie bei Mozart und Da Ponte entsprechend an Logik und Stringenz.)

Figaro, der Diener des Grafen, will seine Susanna heiraten. Der Graf hat zwar auf sein historisches Recht der ersten Nacht verzichtet, jedoch nicht wirklich gern – er würde es viel lieber wahrnehmen. Darf er aber nicht, wird ihm gesagt. Das heißt, es wird ihm sehr elegant gesagt, daß man seine fortschrittliche Entscheidung des Rechteverzichts bewundere – doppelt ärgerlich für den Grafen. Und immer kommt ihm dieser Cherubino in die Quere, der hinter jeder Frau her ist und bei allen landet (wenn auch manchmal anders, als gewollt – er muß sich noch die Hörner abstoßen) – dreifach ärgerlich. So ergeben sich zahlreiche Versteckspiele, kommt Cherubino in Erklärungsnöte, findet aber immer wieder eine Führsprecherin, darf also doch bleiben – der Graf wollte ihn längst, mit einem Offizierspatent ausgestattet – wegschicken. Derweil nehmen die Hochzeitsvorbereitungen ihren Lauf, werden geheime Briefchen getauscht, verkleidet man sich, wechselt auch Geschlechterrollen, wird hinters Licht geführt, Treue geprüft. Das Resultat: jeder hat etwas zu vertuschen, kein Gewissen ist unbefleckt. Aber: man hat Stil, man feiert. Die Gräfin verzeiht.

Die Dresdner Inszenierung

Mozarts »Figaro« gehört zu den meistgespielten Opern weltweit – da muß man sich schon etwas einfallen lassen. Johannes Erath und sein Team (Bühne: Katrin Connan, Kostüme: Birgit Wentsch) haben sich auf die Geschichte des Theaters besonnen und die vier Akte entsprechend dessen Epochen in drei Abschnitte unterteilt: Der erste Akt entspricht der »Commedia dell’arte«. Mit einer einfachen Bretterbude als Bühne, wie sie auf den (Jahr-)Märkten gestanden haben mag und den klassischen Figurenkostümen. Der zweite und dritte Akt spielt im reich ausgezierten Rokokotheater, woran sich das Zeitalter des bürgerlichen Theaters anschließt. Wirklich glaubhaft und zwingend ist das nicht, spiegelt sich diese aufgesetzte Struktur im Stück auch zu wenig wieder. So bleibt es bloße Dekoration, was in den ersten Teilen noch passabel ist. Vor allem die Rokoko-Adaption ist lebendig, farbenfroh und spritzig, dafür ist der »Abfall« des bürgerlichen Theaters um so stärker – Hollywoodschaukeln aus dem Billigbaumarkt, Reihenhausgartenatmosphäre! Es scheint schlicht, als hätte man zuviel gewollt – im Programmheft geht Dramaturg Francis Hüsers ausführlich auf die Problematik der Kürzungen, (Selbst-)Zensur und Psychologisierung ein, versteigt sich aber auch darin, psychologische Fehlschlüsse Walter Felsensteins in der Figurenauslegung offenzulegen. Nach dieser Ansage hätte es eines glaubwürdigeren, wenn nicht gar radikaleren Interpretationsansatzes geben dürfen – gab es aber nicht. Als ein Liebeslager voller Kissen und Plumeaus über die gesamte Bühne gezogen wird, ruft eine entsetzte Besucherin aus dem ersten Rang »So ein Kitsch!« Dagegen gefällt, daß Johannes Erath logische Brüche nicht zu kitten oder zu erklären versucht, sondern sich auf die Personenkonstellationen stützt. Allein die räumliche Situation – Doppeltüren mit Zwischenräumen, in denen man sich verstecken oder ungesehen begegnen kann – ist absurd. Und dann werden die Türen noch verdreht, innen wird außen, außen wird innen – oder nicht? Gerade das verleiht dem Inszenierungsansatz Witz und fokussiert auf das zwischenmenschliche.

Nein, kein radikaler Ansatz. Aber: Klang und Farbe. Figaro bleibt in Zeit und Ort etwa da, wo er hingehört (da helfen auch keine neuzeitlichen Accessoires). Vieles bleibt offen – jeder möge es aufnehmen, wie er (ver)mag. Das kommt dem Stück aber auch insofern entgegen, daß es gespielt werden muß. Und das wurde es ganz stark! Dazu verläßt man sich auf eine Mischung aus Ensemble und Gästen. Christoph Pohl (in Rossinis »Barbier« ist er im August und September wieder als Figaro zu erleben) gab dem Grafen spielerisch einen launigen, aufbrausenden Charakter – es läuft eben nicht so, wie er will, und ständig will man etwas von ihm, was er nicht mag. Stimmlich glänzen kann Pohl immer wieder, nötigenfalls auch mit »Potenz«, aber ohne Kraftmeierei. Und spielerisch ist er souverän, mit Witz und Wärme ausgestattet. Auch seine Gräfin (Sarah-Jane Brandon) ist glänzend und vor allem wandlungsfähig, was den Handlungsverlauf und die Gefühle angeht. Sie kann Migräne vortäuschen, aber auch verzeihen – wie gut! Die Spielfäden aus der Hand geben will Figaro nicht – Zachary Nelson ist eine Idealbesetzung des umtriebigen, durchtriebenen (doch manchmal auch naiven) Kammerdieners. Durchschauen, ein Spiel spielen, immer ein Ass im Ärmel – wer wagt, gewinnt, scheint Zachary Nelsons Devise. Stimmlich voll Glanz überzeugt er sein Publikum – und gewinnt es. Tuuli Takala bezaubert als Barbarina, dem Gärtnertöchterchen, dem sonst oft etwas von einem »Backfisch« anhaftet. Sie verleiht ihr Sinnlichkeit und macht sie interessant – auch für Graf und Cherubino… Dagegen bleibt der »Störfaktor« Cherubino (Christina Bock), der »Absahner«, an diesem Abend etwas matt, aber trotzdem glaubhaft ungelenk und unerfahren gespielt. Aber auch Matthias Henneberg (Bartolo), Karin Lovelius (Marcellina) oder der Staatsopernchor unterstreichen den gesanglich guten Eindruck.

Die Sächsische Staatskapelle und – an diesem Abend – Rainer Mühlbach sind dem Bildersturm, den vielen Täuschungen und Bäumchen-wechsle-dich-Spielen jederzeit gewachsen und vermögen mit spritzigem Klang dem Stück Leben einzuhauchen. Der Orchestergraben ist nur wenig abgesenkt, so hat man die Musiker immer im Blick, sind Bühne und Orchester aber auch nah beieinander, bleiben verbunden. Trotz aller dem Stück innewohnenden Rasanz – das Maß von Rainer Mühlbach ist gut gewählt, er verfällt in keinen Rausch, läßt auch einmal ab und gibt Raum, wenn Beaumarchais‘ bzw. Mozarts Figuren innehalten, traurig sind, bevor es wieder losgeht. (Dort, wo es szenisch erforderlich ist, läßt der Regisseur die Akteure per Fingerschnipp in eine Zeitlupenschleife versetzen.) Mozarts Geniestreich(e) verhelfen auch da zum Leben, wo es im letzten Akt auf der Bühne etwas grau wird. Leider gibt es aber auch improvisierte Cembalopassagen weit weg von Mozart, die »Casablanca« auf die Bühne holen – so ein Kitsch!

3. Juli 2015 (zur Vorstellung vom 2. Juli), Wolfram Quellmalz

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