Il flauto magico

Boreas Quartett Bremen auf Schloß Lauterbach

Der Titel des Konzertes in der Reihe »Musik an den Höfen des Meißnischen Landadels« machte auf jeden Fall neugieriger als es die Ankündigung eines »Blockflötenquartetts« gekonnt hätte, wobei letztere Bezeichnung sowieso nicht zugetroffen hätte. Denn die vier jungen Damen, die sich seit ihrem Studium an der Akademie für Alte Musik Bremen kennen, setzten insgesamt 40 (!) Instrumente ein und zeigten sich und die Musik erstaunlich wandlungsfähig, verwandelbar – insofern ist der Vergleich des Magischen berechtigt.

Der Flöte wurden seit jeher magische Momente zugeschrieben, nicht erst seit Pan und Syrinx. Auch in Sinfonien, Opern und Schauspielmusiken spielt sie – auch im wörtlichen Sinne – eine Sonderrolle. Als dezidiertes Konzertinstrument hatte sie in Renaissance und Barock eine Hochzeit – wer kennte nicht Vivaldis »Distelfink«? Doch ohne Streichorchester, mit vier Blockflöten allein, spielt man anderes.

Auf dem Programm des Boreas Quartetts standen einerseits Stücke der Alten Musik, vor allem Consort-Musik der Renaissance. Denn nicht nur für Gamben war es üblich, Instrumente unterschiedlicher Tonhöhenstufungen in einer Gruppe zusammenzustellen. Die Benennung von Stimmlagen (Sopran, Alt oder Kontrabaß) genügt da nicht mehr, die Tonartangabe ist unerläßlich, also »Kontrabaß F« zum Beispiel. In dieser variablen Zusammenstellung, die zum Teil auch noch während der Stücke geändert wurde, klangen Jin-Ju Baek, Elisabeth Champollion, Julia Fritz und Luise Manske nicht einfach nach einer Blockflötengruppe, sondern wie ein wandelbarer Organismus. Fast allen dieser Stücke, ob Eustache du Caurroy, Hans Leo Haßler oder das eines anonymen Komponisten aus dem 14. Jahrhundert, wohnte die Verkörperung eines Atems, der dem hektischen Gehechel unserer Tage entgegenzustehen schien. Damit gewann diese Musik etwas ergreifend meditatives, klangen die vier Spielerinnen wie eine Renaissance-Orgel mit Holzpfeifen.

Schon diese alten Stücke boten schon Gelegenheit, die virtuose Seite der Blockflöte zu präsentieren, doch mit insgesamt vier Werken zeitgenössischer Komponisten trumpfte das Boreas Quartett weiter auf und veränderte den Klang der Blockflöte noch stärker. So zum Beispiel mit den äußerlich kantig wirkenden, innerlich aber der Flötenbauform entsprechende Paetzold-Flöten. Diese haben Klappen, welche – neben dem geblasenen Ton – mit charakteristischem Klicken auch zum Ton beitragen. Und so fühlte man sich bei Fulvio Caldinis »Fade control« von 1990 wie in einem Klanggarten, in dem ein von Wasser angetriebener Mechanismus Äolsharfen bzw. -flöten in den Wind richtet – nein, es waren die vier Damen des Boreas Quartetts.

Mit einer guten Mischung alter und neuer Werke, mit sehr fremden Klängen, die auch (Farzia Fallahs »Besorgnis der Sperlinge«) eine bedrängte Seele zeigten, aber teilweise auch an die (Ohren-)Schmerzgrenze gingen, bereitete das Quartett seinem Publikum nicht nur eine musikalisches Vergnügen, sondern auch neue Hörerfahrungen. Blockflöte – von wegen langweilig!

18. Juli 2015, Wolfram Quellmalz

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