Feierliche Einweihung

Maurice Steger und Björn Colell mit »musica italiana« auf Schloß Rochlitz

Die Sorge, ob denn jemand käme, an einem Mittwochabend und in eine Stadt, die (bisher) kein ständiger Ankerpunkt im Klassikmusikleben war, wurde zum Glück durch zahlreiches Publikum aus dem gesamten Mitteldeutschen Raum entkräftet. Schon Tage vor dem Konzert war ein Großteil der Karten verkauft, viele Besucher hatten sich auch für eine Museumsführung angemeldet (wegen des Andranges gab es sogar deren zwei). Immerhin war es das erste Konzert im rekonstruierten Tafelsaal des Schlosses, für diese Einweihung hatten sich die Partner mdr Musiksommer und Schlösserland Sachsen gleich etwas Weltglanz ins Muldental geholt: kaum ein Musiker repräsentiert derzeit ein solche Virtuosität und Spielfreude auf der Blockflöte wie Maurice Steger. Ihm zur Seite stand bzw. saß als Partner und gleichwertiger Gestalter Björn Colell, der mit Laute und Barockgitarre angereist war. Dafür brauchte er auch zwei Instrumentenkoffer, im Gegensatz zu Steger, der zwar mehr Instrumente mit-, diese aber in einem Koffer untergebracht haben dürfte.

Außerdem in ihrem Gepäck hatten die beiden Werke aus der Blütezeit italienischer Musik und sogar deren »Ausläufer«. Denn – so erklärte der Schweizer Blockflötist zwischendurch in amüsanter Rede – Arcangelo Corellis op. 5, ursprünglich für Violine geschrieben, hatte sich in kurzer Zeit über ganz Europa verbreitet. Und das war damals noch ein wirklicher »Akt«, denn Noten konnten im 17. Jahrhundert weder im Internet heruntergeladen noch auf den Kopierer gelegt werden. Kopierer hießen damals noch Kopisten und waren Menschen, Noten wurden nicht einfach gedruckt, sondern aufwendig gestochen. Trotzdem setzte sich Corellis Werk durch, wurde für viele Soloinstrumente herausgegeben, für Orchester überarbeitet, mit Verzierungen versehen und blieb so lange Zeit den Moden angepaßt. Und so hob sich die aufgeführte Bearbeitung nach Pietro Castrucci auch in der Violin- – Pardon! – Flötenstimme von Corelli leicht ab.

Es war nicht die einzige Besonderheit des Abends – schon die besonders intime Kombination Flöte / Laute hört man selten. Hinter der Laute könne man sich, so Steger, nicht verstecken wie hinter einem Cembalo. Doch unter Verstecksucht leidet der Flötist mitnichten, sondern fühlte sich – trotz Hitze – sichtlich wohl, Girlanden, Triolen und Triller zu gestalten. Daß beide Musiker immer dicht beieinander waren, auf den Partner abgestimmt, merkte man deutlich, wenn sie Pausen setzten oder Übergaben gestalteten. Besonders schön dann bei Salamone Rossis »In eco», welches mit den Stimmen spielte. Echo, Frage und Antwort gab es aber auch in Giuseppe Sammartinis Sonata IV.

Was der Abend auch zeigte: Schon im Barock wußte man mehr aus der Flöte hervorzulocken als nur Vogelstimmenimitationen. So unterschieden sich die Werke stark in Färbung und Stimmung, und trotz solistischen Einsatzes erinnerten die wechselnden Instrumente an die vormalige Consort-Tradition – Stimmung und Stimme bedingen einander, so gibt es verschiedene »Süßestufen« der Blockflöte. In drei Werken Andrea Falconieris aus seinem ersten Buch der Canzonen, Sonaten und Phantasien… (bzw. »Il Libro Primo di Canzone, Sinfonie, Fantasie, Capricci, Brandi, Correnti, Gagliarde, Alemane, volte per violini, viole overo altro strumento á uno, due, et tré con il basso continuo«, so der vollständige Titel) sank die Stimmung nicht mit den jeweils tiefer gestimmten Instrumenten, sondern nahmen Süße und Sanftheit zu.

Und trotzdem war es kein Abend allein im Zeichen der Flöte, denn in beiden Konzertteilen erinnerte Björn Colell auch an die Hochzeit der Barockgitarre, die damals – ebenfalls von Italien ausgehend und europaweit – die Ohren und Herzen betörte. Eine Suite Angelo Michele Bartolottis oder eine Partita Francesco Corbettas verwöhnt unsere Ohren noch heute.

Maurice Steger ist nicht nur ein fabelhafter Musiker, sondern auch ein Charmeur der Rede, der das Publikum doppelt betörte. Und so war es nach dem abschließenden »Minuetto« aus Sammartinis Sonata – es dürfte eines der geschwindesten Menuette der Musikgeschichte gewesen sein – nicht gewillt, die beiden Gäste einfach ziehen zu lassen. Als »Rausschmeißer« wählten diese noch einmal Falconieris »Il spiritillo Brando«.

6. August 2015, Wolfram Quellmalz

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