Von der Wiener Klassik bis zur Gegenwart

Einen weiteren Preisträger hatte das Pianoforte-Fest Meißen ins Jagdschloß Graupa geholt. Am schönen Bösendorfer-Flügel der Richard-Wagner-Stätten saß diesmal der Grazer Philipp Scheucher, der seinem Publikum am Sonntagnachmittag neben Beethovens Fantasie op. 77 »Tema med variationer« op. 40 von Carl Nielsen, Igor Strawinskys Klavierfassung zu drei Bildern seines Balletts »Petruschka« sowie Franz Liszts große h-Moll-Sonate darbot. Eingeschoben war noch ein Prélude von Lera Auerbach mit dem Titel »Grandioso« – damit spannte Philipp Scheucher den Bogen von Beethoven nahtlos bis in die Jetztzeit.

Auf den kernigen Klang des Instruments stellte sich der junge Pianist schnell ein und wußte dessen dynamische und klangsinnliche Qualitäten zu nutzten. So übertrug er die Schwingungen und Spannungen auf den ganzen Raum, ließ aber auch feinsinnig und klug kleine Motive und versteckte Akkorde schweben. Schon mit dem zweiten Stück bereitete er eine große Überraschung – Nielsen? Man hört sonst allenfalls dessen Sinfonien, wenn nicht gerade jemand wie Herbert Blomstedt kommt und zeigt, daß da noch mehr ist. Oder eben Philipp Scheucher – Nielsen auf dem Klavier. Bedächtig baut er das »Tema« auf und reiht die Variationen aneinander, ließ sie in Wellen durch den Konzertsaal fluten und schließlich wieder ganz sacht ausklingen.

Ausgesprochen farbenreich und ausgelassen gerieten die Szenen aus Igor Strawinskys »Petruschka«. Die volkstümlichen Anklänge, die eingewobenen Motive, ließen an Holzschuhtanz und Volksfest erinnern. Die enormen pianistischen Anforderungen schienen für Philipp Scheucher keine Hürde zu sein – pure Ausgelassenheit!

Nach der Pause dann die nächste Überraschung nach Nielsen – Lera Auerbach. Streng, kühl und durchdacht klangen viele Werke der Capell-Compositrice vor vier Jahren, als sie eine Residenz bei der Staatskapelle innehatte. Ganz anders nun ihr Prélude – nach fulminantem Beginn fällt es in Erinnerungen – scheint Beethoven zu grüßen, Turmuhrschläge zu imitieren, pendelt im Raum, beginnt von neuem. Eine Spieldose schien’s, kein Prélude.

Zum Abschluß schließlich Franz Liszts große Sonate – welcher Pianist käme daran vorbei? Philipp Scheucher nahm sie mit zackigem Beginn, brachte dunkle, geradezu dämonische Melodien hervor – ein Aufblitzen, erweiterte den Kosmos um kleine Galaxien. Gleich mehrfach biegt Liszt auf die Zielgerade ein, um jedes Mal wieder eine neue Episode zu beginnen. Philipp Scheucher hielt die Spannung über die weite Strecke, bevor das Werk verebbte, sich der Gedankensturm legte.

Als »Schmankerl« fürs Publikum gab es aus der Heimat des Pianisten Franz Schuberts »Grazer Galopp« zur Auflockerung.

17. August 2015, Wolfram Quellmalz

Schreiben Sie einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Verbinde mit %s